Diagonale
Festival des österreichischen Films
19.–24. März 2019, Graz

FilmprogrammRegisseur/innen | Spielplan


Freitag, 22.03.
13:00 Uhr, Rechbauer

Maskerade

Spielfilm, AT 1934, 102 min, dOF

Das Wiener Mädel, eine literarische Figur Arthur Schnitzlers, erhielt vor allem im Kino der Zwischenkriegszeit zentrale Bedeutung. In Vorstadtvarieté – Die Amsel von Lichtental wird die Volkssängerin Mizzi Ebeseder zum Opfer eines patriarchalen, militärisch geprägten Klassensystems und macht dessen Grausamkeiten sichtbar. In Maskerade hingegen rettet das Wiener Mädel Leopoldine Dur selbstlos ihren Geliebten und verliert all ihr kritisches Potenzial.

Das süße Wiener Mädel, eine beliebte Frauenfigur in der Jahrhundertwendeliteratur von Arthur Schnitzler, erhielt im Erzählkino – vor allem der Zwischenkriegszeit – zentrale Bedeutung. Sein Status zwischen sexueller Ausbeutung und romantischer Liebe ist prekär. Assoziiert mit den Rändern der Stadt, dem Heurigen und dem Prater, verkörpert das Wiener Mädel die einfache Frau aus der Vorstadt, in deren Armen ein höhergestellter Herr sein flüchtiges Vergnügen findet.
Der deutsche Regisseur Werner Hochbaum erzählt in Vorstadtvarieté – Die Amsel von Lichtental von der Volkssängerin Mizzi Ebeseder, die sich zwischen dem Wunsch nach künstlerischer Entfaltung und ihrem beengten Status als Frau aus den niederen Schichten aufreibt. Sie wird zum Opfer eines patriarchalen, militärisch geprägten Klassensystems und macht dessen Grausamkeiten sichtbar. In Willi Forsts Maskerade hingegen hat das Wiener Mädel sein kritisches Potenzial verloren. Paula Wessely als Leopoldine Dur verliebt sich in einen Aristokraten und rettet ihn durch komplizenhaftes Stillschweigen vor dem Skandal. Das Wiener Mädel versöhnt gesellschaftliche Differenzen, anstatt sie aufzubrechen, und wird dadurch Teil einer wienerischen Sozialfolklore.
Hochbaum hingegen verhandelt in seinem Drama Vorstadtvarieté – Die Amsel von Lichtental das Verhältnis der Geschlechter über Klassenschranken hinweg in aller Härte. Luise Ullrich spielt Mizzi Ebeseder, die als Volkssängerin im Prater auftritt. Ein Aristokrat umwirbt Mizzi und stellt Heirat in Aussicht. Dass es um Sex und nicht um Liebe geht, ist allen Beteiligten klar. Hochbaum demaskiert die Süße-Mädel-Folklore und die Jovialität des Wiener Charmes in ihrer zuckrigen, misogynen Verlogenheit und will ihnen mit Vorstadtvarieté ein radikales Ende setzen. In seiner Originalfassung stürzt sich Mizzi von einer Brücke. Die österreichischen Zensurbehörden schreiten ein und pappen ein Happy End an den Schluss. Trotzdem tritt in Hochbaums Lesart das Wiener Mädel als eine Figur auf, anhand derer sich rigide Klassenschranken, sexuelle Ausbeutung und patriarchale Strukturen sichtbar machen lassen. Ein kritisches Potenzial, das ihr in Willi Forsts Maskerade gänzlich abhandenkommt:
In Maskerade ist Paula Wessely das Wiener Mädel. Als Leopoldine Dur, eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen, verdient sie ihren Unterhalt als Gesellschafterin einer reichen Dame. Zufällig wird sie in einen Skandal der höheren Kreise verwickelt und verliebt sich in den Aristokraten und Maler Heideneck (Adolf Wohlbrück). Als eine Exgeliebte auf Heideneck schießt, verhindert Leopoldine durch komplizenhaftes Stillschweigen den Eklat.
Das Wiener Mädel lässt gesellschaftliche Brüche, Klassen- und Geschlechterunterschiede nicht mehr, wie noch Mizzi Ebeseder in Vorstadtvarieté, aufklaffen, sondern sorgt für Versöhnung. Das Schlussbild von Maskerade fixiert das Wiener Mädel in traditioneller Rolle als kleinbürgerliche Frau, Mutter und Krankenschwester.
(Alexandra Seibel)  

Regie: Willi Forst
Buch: Will Forst, Walter Reisch
Darsteller/innen: Adolf Wohlbrück, Paula Wessely, Olga Tschechowa
Kamera: Franz Planer
Originalton: Hermann Birkhofer, Martin Müller, Alfred Norkus
Musik: Willy Schmidt-Gentner, Enrico Caruso
Produzent/innen: Karl Julius Fritzsche
Produktion: Tobis-Sascha Filmindustrie