Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

Rückblick Diagonale’19

Mit 32.900 Besucher/innen manifestierte sich das ungebrochene Interesse an der Diagonale’19 in einem abermaligen Publikumszuwachs (Zahlen exklusive der Ausstellungen im Rahmenprogramm und der Inszenierung am Schauspielhaus Graz, die von 356 Besucher/innen besucht wurde). Eingebettet in den stark frequentierten Festivaldistrikt zwischen dem Kunsthaus Graz und dem neu etablierten Club Diagonale im p.p.c. positionierte sich das Festival einmal mehr als meinungsdiverser Knotenpunkt, der Anreize für weiterführende Diskussionen bot – von einzelnen Filmen ausgehend oder zwischen den einzelnen Veranstaltungen im vielgestaltigen Rahmenprogramm entstehend. Aufbauend auf dem postulierten (selbstkritischen) Zweifel 2016, der betonten Neugierde 2017 und dem Plädoyer für die Empathie 2018 argumentierte das Intendantenduo Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber in seiner Eröffnungsrede für die feinen Unterschiede, das zweimalige Hinschauen und den Blick für Details. Für die Genauigkeit, die sie im Kino, auf der Leinwand und in den Filmen der heurigen Diagonale ausmachten.

Helmut List Halle, Foto: Diagonale/Reiser

Begegnungen mit zentralen Figuren des (heimischen) Filmschaffens ermöglicht die von der Hauptsponsorin Steiermärkische Sparkasse unterstützte Reihe Diagonale im Dialog – unter anderem waren Emily Atef, Gerda Lampalzer-Oppermann, Hanno Pöschl, Peter Simonischek, Carolina Steinbrecher, Christiana Perschon, Heinz Trenczak, Mirjam Unger und Ludwig Wüst für ausgedehnte Gespräche zu Gast.

Nicht nur die zahlreichen mit Spannung erwarteten Kinopremieren – viele davon als Uraufführungen – erwiesen sich als Publikumsmagnete. Auch die Filme im Jahresrückblick wurden gut angenommen, nicht zuletzt, weil eine Vielzahl der Regisseur/innen – Sudabeh Mortezai, Markus Schleinzer, Werner Boote, Reinhold Bilgeri und andere – für die Screenings anreisten. Auch das Rahmenprogramm und der flirrende Festivaldistrikt erfreuten sich großer Beliebtheit.

An sechs Tagen präsentierte die Diagonale’19 insgesamt 180 rezente und historische Filme und Videos im Rahmen von 143 Vorstellungen in vier Festivalkinos und in der Helmut List Halle. Der Wettbewerb umfasste 112 Filme und wurde aus insgesamt rund 500 aktuellen Einreichungen aller Längen und Genres zusammengestellt. 71 Filme feierten im Rahmen der Wettbewerbe der Diagonale’19 ihre Premiere, 43 davon als Uraufführung. Traditionell war ein Großteil der Regisseur/innen persönlich bei den Vorführungen und den begleitenden Filmgesprächen anwesend.

Pavol Liška und Kelly Copper (Die Kinder der Toten), Foto: Diagonale/Raneburger

Einen Höhepunkt markierte die dem Wiener Ausnahmeschauspieler Hanno Pöschl gewidmete Reihe Zur Person, der sämtliche Beiträge persönlich begleitete und dabei auf Weggefährten wie Götz Spielmann und Xaver Schwarzenberger traf. Entlang der Biografie der charismatischen Schauspielpersönlichkeit ermöglichte das Filmprogramm samt ausgedehnten Gesprächen auch ein Nachdenken über die jüngere Geschichte des österreichischen Films. Das historische Special – in Kooperation mit Filmarchiv Austria, Österreichisches Filmmuseum und ORF-Archiv – widmete sich 2019 der Repräsentation und der Narration von Weiblichkeit(en) im österreichischen Film. Ausgehend von einem Essay von Autorin Michelle Koch und Filmjournalistin Alexandra Zawia, lud die Diagonale mehr als zehn mit dem österreichischen Film vertraute Persönlichkeiten ein, in jeweils einem Programmslot auf den vorgelegten Essay zu reagieren.

Knotenpunkte machte abermals die Schiene In Referenz sichtbar. Sie suchte auch heuer nach Linien und setzte Klammern und Fußnoten im Festivalprogramm. Heimisches Filmschaffen wurde wiederum mit sich selbst und mit internationalen Positionen verschaltet. Mit dem Tribute Theater-, Kino-, Holzarbeit und in erstmaliger Kooperation mit dem Schauspielhaus Graz spürte die Diagonale’19 dem vielseitigen Schaffen der veritablen Ausnahmeerscheinung Ludwig Wüst nach. Vor dem Hintergrund des facettenreichen Filmprogramms und der von Wüst abgehaltenen Hands-on-Holzlecture stach besonders die vielumjubelte Premiere der Wüst-Inszenierung von Fräulein Julie am Schauspielhaus Graz am 21. März hervor.

Insgesamt wurden im Rahmen der Diagonale Preise im Wert von mehr als € 185.000 an Filmschaffende verliehen. Bei der festlichen Preisverleihung am 23. März wurden 17 Filmpreise vergeben, darunter die mit je € 21.000 dotierten Großen Diagonale-Preise des Landes Steiermark für den besten Kinospielfilm und den besten Kinodokumentarfilm des Festivals sowie der Diagonale-Preis Innovatives Kino der Stadt Graz.

Neben den Hauptpreisen vergaben hochkarätige und international besetzte Jurys außerdem Auszeichnungen für herausragende Leistungen in den Bereichen Schauspiel, Bildgestaltung, Schnitt, Szenen- und Kostümbild sowie Sounddesign. Erstmals wurde am Samstagvormittag zudem der Kodak Analog-Filmpreis vergeben – an die Kamerafrau Leena Koppe. Ausgezeichnet als bester österreichischer Spielfilm wurde Sara Fattahis sensibel komponierter Filmessay Chaos. Mit steter Skepsis gegenüber der Darstellbarkeit erzählt Fattahis Chaos die Geschichten dreier Frauen aus Damaskus, die mit dem Nachhall traumatischer Kriegserfahrungen zurechtkommen müssen. Den Großen Diagonale-Preis Dokumentarfilm gewann The Remains – Nach der Odyssee von Nathalie Borgers, der sich behutsam und in ruhigen Aufnahmen dem Sterben im Mittelmeer nähert. Der Diagonale-Preis Innovatives Kino der Stadt Graz ging an Jennifer Mattes für Wreckage takes a holiday, der sich mittels popkultureller, kunst- und filmhistorischer Versatzstücke zu einem maritimen Kosmos fügt. Die Diagonale-Schauspielpreise in Kooperation mit der VdFS gingen an Joy Alphonsus für ihre „messerscharfe Präsenz“ in JOY sowie an Simon Frühwirth für seine eindringliche Darbietung im pulsierenden NEVRLAND.

Der Publikumspreis der Kleinen Zeitung ging am Sonntagabend an GEHÖRT, GESEHEN – Ein Radiofilm von Jakob Brossmann und David Paede. Darin blickt das Regieduo hinter die Kulissen eines der größten Kultursender Europas, Ö1, und spürt den gegenwärtigen Herausforderungen nach, Radio in einer Zeit zu machen, in der öffentlich-rechtliche Medien von verschiedenen Seiten unter Druck geraten.

Bereits bei der Eröffnung wurde Birgit Minichmayr mit dem Großen Diagonale-Schauspielpreis in Form eines Kunstwerks der Künstlerin Ashley Hans Scheirl für ihre Verdienste um die österreichische Filmkultur gewürdigt.

Graz, Foto: Diagonale/Pibernig

Zum dritten Mal wurde im Rahmen der Diagonale der Franz-Grabner-Preis in den Kategorien Kino- und Fernsehdokumentarfilm vergeben. Die Auszeichnung in der Kategorie Fernsehdokumentarfilm erhielten Karin Berghammer und Krisztina Kerekes für Leben für den Tod – Menschen am Zentralfriedhof. Als bester Kinodokumentarfilm setzte sich Waldheims Walzer von Ruth Beckermann durch. Weiters wurden in Graz die Carl-Mayer- und Thomas Pluch Drehbuchpreise verliehen.

Begeistert aufgenommen wurden 2019 wiederum auch die Talks und Diskussionen im Rahmprogramm. Im von Djamila Grandits moderierten Panel „Kulturkampf auf der Leinwand oder wie frei ist die Kunst?“ sprachen im Kulturzentrum bei den Minoriten etwa die Filmemacher/innen Sudabeh Mortezai (JOY) und Markus Schleinzer (ANGELO) mit dem Autor, Psychiater und Psychoanalytiker Sama Maani über Grundparameter politischen Denkens und Handelns als Prämissen ihres Filmschaffens.

Das Programmheft mit allen Informationen zur Diagonale’19 und dem gesamten Spielplan steht nach wie vor zum zum Download bereit. Hier können Sie den im Czernin Verlag erschienen Katalog der Diagonale’19 erwerben.

Fotos von der Diagonale’19 sind in den Facebook-Galerien des Festivals zu finden.

Die Nachlese zum Diagonale Film Meeting Wieso Kino? Zur Relevanz des Kinos für die Branche und die Öffentlichkeit findet sich hier.