Diagonale
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| Filmgeschichte | Die erste Schicht |

Die Diagonale freut sich, das erste Programm der neuen Reihe Filmgeschichte samt einiger bereits fixierter Filme ankündigen zu dürfen: Unter dem Titel Die erste Schicht – 60 Jahre Arbeitsmigration aus Sicht der Herkunftsländer widmet sich das Festival in acht Programmen dem nach wie vor hochpolitischen Thema der Arbeitsmigration. Allerdings aus einer vorwiegend umgekehrten Perspektive: Nicht der Blick aus Österreich, Deutschland und der Schweiz auf die hierher gekommenen Arbeitsnomad:innen steht im Mittelpunkt, in den meisten Werken sind es die Positionen von Filmemacher:innen aus den Herkunftsländern selbst. 60 Jahre ist es her, dass die ersten “Gastarbeiter:innen” herkamen, zurückkehrten und wieder kamen. Eine ursprünglich anvisierte Zeitarbeit entwickelt sich zum Permanent-Zustand. Die Notlage im neuen Umfeld wurde jedoch politisch totgeschwiegen und viele Probleme dauern bis heute an.

Die erste Schicht bietet einen Blickwechsel auf ein scheinbar “vertrautes” Milieu, hier eine Auswahl der Filme:

Halo, München / Hallo München (1967) und Specijalni vlakovi / Sonderzüge (1971), beide von Krsto Papić, handeln vom Aufbrechen nach Deutschland und Österreich und vom Zurückkehren in die Heimat sowie den sich daraus ergebenden widersprüchlichen Lebenssituationen an beiden Orten. Kara Kafa / Schwarzkopf (1979) von Korhan Yurtsever schildert die Zerreißprobe im Gefüge einer Einwandererfamilie: Das neue Leben in Deutschland hat theoretisch unbegrenzte Möglichkeiten zu bieten, diese bestehen aber auch aus nicht erwarteten Tücken — so beginnt die Mutter der Familie, sich in der Frauenbewegung zu engagieren. Der Film wurde damals von der türkischen Zensurbehörde verboten und alle Kopien einkassiert. Erst kürzlich sind die Originalnegative aufgetaucht, auf deren Grundlage Kara Kafa restauriert werden konnte.

 

Filmstill aus Kara Kafa © Korhan Yurtsever

 

Inventur – Metzstraße 11 (1975) von Želimir Žilnik entstand im Treppenhaus eines Münchner Wohnhauses — dieser Ort des Durchgehens wird von Žilnik, der selbst damals als Arbeiter kam, zu einem Ort der kurzen aber eindrücklichen Begegnungen transformiert: Vor der Kamera sprechen die Bewohner:innen des Hauses über ihre Herkunft als auch ihre Wünsche, Hoffnungen und Sorgen. Wie die meisten Filme aus dem Programm hat auch Analphabeten in zwei Sprachen (1975) von der deutsch-iranischen Filmemacherin Mehrangis Montazami-Dabui nach wie vor erschreckende Aktualität: In dem Kurzdokumentarfilm werden die schulischen Probleme von Kindern mit Migrationshintergrund beleuchtet, die auch eng an die Schwierigkeiten, sich zwischen zwei Kulturen zurechtzufinden und den eigenen Platz zu finden, geknüpft sind. Die teils kafkaesken Wege der österreichischen Bürokratie lernt ein jugoslawisches Ehepaar in Wo sein Wäsche (1975) von Dieter Berner kennen, der damals im Rahmen der ORF-Sendereihe Geschichten aus Österreich entstanden ist: Frau Stankovic hat ohne ärztlichen Beistand zuhause ihr Kind zur Welt gebracht, nun fehlen alle offiziellen Belege, um das dringend benötigte Wäschepaket zu bekommen. Denn das Baby allein reicht als Beweis dafür, dass es tatsächlich existiert und Wäsche benötigt, in den bornierten Amtsstuben nicht aus …

Kuratiert wird das Programm von Petra Popovic, Dominik Kamalzadeh und Claudia Slanar in Kooperation mit dem ORF und Jurij Meden (Österreichisches Filmmuseum). Die Diagonale dankt Faime Alpagu, Fatih Aydoğdu und Can Sungu für die Unterstützung.

 

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