Diagonale
Festival des österreichischen Films
19.–24. März 2019, Graz

Zur Person: Hanno Pöschl

Hanno Pöschl © Diagonale/Paul Pibernig

Ein Ausnahmeschauspieler im Fokus der Diagonale’19

Ein Wiener von Welt im Kino

Wer Hanno Pöschl einmal am Fernsehschirm, auf der Kinoleinwand oder auf der Theaterbühne erleben durfte, wird den charismatischen Wiener wohl kaum wieder vergessen. Als unverkennbare Verkörperung des archetypischen „Homo Austriacus“ wirkte der Schauspieler Pöschl in zahlreichen Filmen, Fernsehserien und Theaterproduktionen mit. Nicht selten gab er dabei den grantigen Hauptstädter oder den zwielichtigen Strizzi – vermeintlich flache Rollen, die sich in seinem Falle bei näherer Betrachtung jedoch als durchaus vielschichtige Figuren entpuppen. Die Aura der stets mit Verve und betonter Lässigkeit verkörperten Rollen brachte Hanno Pöschl schließlich von Wien ins Weltkino.

In der Reihe Zur Person widmet sich die Diagonale’19 einer der interessantesten und nicht zuletzt charismatischsten Schauspielpersönlichkeiten des Landes – ein Filmprogramm, das entlang der Biografie von Hanno Pöschl auch ein Nachdenken über die jüngere Geschichte des österreichischen Films ermöglicht.

Die Vita eines Tausendsassas
Oder: Vom Handwerk zum Schauspielhandwerk

Hanno Pöschls Biografie ist ebenso faszinierend und vielseitig wie seine schauspielerischen Engagements. Aufgewachsen in Wien, arbeitete Pöschl nach einer abgeschlossenen Konditorlehre als Wagenwäscher, Automechaniker, Vertreter, Asphaltierer, Kerzenerzeuger, Chauffeur bei einer Speditionsfirma sowie im Weinbau. Nach dem Besuch der Schauspielschule Lamberg-Offer war er als Regieassistent und Artist beim Circus Roncalli tätig.

Seine Schauspielkarriere wiederum nahm am Theater ihren Beginn. So gastierte Hanno Pöschl in Wien zunächst am Ensemble Theater, am Akademietheater sowie am Schauspielhaus, wo er ab 1974 auch fest engagiert war. Sein markantes Spiel führte ihn schließlich bis ans Wiener Burgtheater. Nach seinem Antritt in der Rolle des Fiscur in Ferenc Molnárs Liliom wurde er dort ab 1992 zum fixen Ensemblemitglied unter Claus Peymann. Im Laufe seiner Theaterkarriere war es die Zusammenarbeit mit Größen wie Hans Gratzer, George Tabori oder Frank Castorf, die Pöschls Ruf als versierter Darsteller zunehmend stärkte.

Die filmische Adaption eines der bekanntesten österreichischen Theaterstücke markierte 1979 Hanno Pöschls Eintritt in die Filmwelt. Seine Rolle an der Seite von Helmut Qualtinger und Birgit Doll in Maximilian Schells Geschichten aus dem Wiener Wald (AT 1979) nach Ödön von Horváth legte den Grundstein für eine lange Filmkarriere. 1980 war Pöschl gemeinsam mit Paulus Manker in Franz Novotnys Film Exit … Nur keine Panik (AT/BRD 1980) zu sehen. Ein ebenso legendärer wie umstrittener Meilenstein des damals erst jungen sogenannten neuen österreichischen Films.

Pöschls Filmkarriere nahm in der Folge weiteren Schwung auf. So trat er in zahlreichen deutschsprachigen Film- und Fernsehproduktionen auf – oftmals mit seinem schelmischen Grinsen und einem Charisma, das die typische Wiener Doppelbödigkeit selten von der Hand weisen kann. Rollen in Kir Royal, Ein Fall für zwei, Der Alte, Derrick, Kaisermühlen Blues und nicht zuletzt in Kottan ermittelt: Der Geburtstag (Folge 2) (R: Peter Patzak, AT 1977) sowie im Österreichbild Die Industrie entlässt ihre Kinder (R: Claus Homschak, AT 1976) machten Pöschl zu einem der bekanntesten Fernsehgesichter der 1980er-Jahre.

Der Stille Ozean © Filmarchiv Austria

Als unbestrittener Höhepunkt im dichten Œuvre Hanno Pöschls sticht die Zusammenarbeit mit dem deutschen Ausnahmeregisseur Rainer Werner Fassbinder kurz vor dessen frühem Tod hervor: 1982 gehörte Pöschl zum Cast von Fassbinders letztem Spielfilm Querelle (BRD/FR 1982), bei dessen Produktion er abermals auf Roger Fritz treffen sollte. Bereits 1981 hatte Hanno Pöschl im Roger-Fritz-Film Frankfurt Kaiserstraße gespielt. Einmal mehr agierte Pöschl darin im zwielichtigen Milieu, mehr denn je in einer Rolle, die deutlich komplexer war als auf den ersten Blick ersichtlich. Eine Rolle mit dissidentem, subversivem und queerem Potenzial – wenn auch in einer gänzlich anderen Tonalität als in Fassbinders Meisterwerk Querelle. Als Fassbinders Kameramann Xaver Schwarzenberger 1983 mit der Verfilmung von Gerhard Roths Roman Der Stille Ozean (AT/BRD 1983) sein Regiedebüt feierte, konnte Hanno Pöschl darin sein breites schauspielerisches Repertoire in einer weitaus ernsteren, introvertierteren Rolle darbieten, ohne dabei auf seine unverkennbaren Gesten zu verzichten.

In den 1990er-Jahren trat Pöschl in der Rolle des Mechanikers Max in der Fernsehserie Medicopter 117 in Erscheinung. Mit bemerkenswerter Ernsthaftigkeit und gleichzeitiger schauspielerischer Leichtigkeit meisterte Hanno Pöschl selbst solch niederschwelligere Formate. Sein Können, Milieus und mitunter eine ganze Welt mittels minimaler Gesten und in kürzesten Auftritten erfahrbar zu machen, faszinierte auch das Weltkino: Auf einen Gastauftritt in James Bond 007 – Der Hauch des Todes folgte 1995 ein ebensolcher in Richard Linklaters legendärem in Wien gedrehtem Film Before Sunrise, der die Stadt mitsamt ihren unverkennbaren Charakteren weit über die Grenzen hinaus bekannt machen sollte. Vor seinem Rückzug aus der Schauspielerei knüpfte Pöschl 2008 in Götz Spielmanns oscarnominiertem Film Revanche (AT 2008) ein letztes Mal an seine großen Kinorollen an. Seither war der unnachahmliche Pöschl – ausgenommen ein kurzes Intermezzo in der satirischen Fernsehserie BÖsterreich – kaum auf der Leinwand oder im Fernsehen zu sehen.

Der Wirt, der einst Schauspieler war

Zur Branche wie zu seinem künstlerischen Schaffen pflegt Hanno Pöschl seit jeher ein schonungslos (selbst-)kritisches und erfrischend reflektiertes Verhältnis. Das mag mitunter daran liegen, dass er stets ein zweites Standbein unterhielt. Als Gastronom schuf er mit dem Kleinen Café am Wiener Franziskanerplatz einen legendären Szenetreffpunkt, den er auch heute noch führt.

2019 feiert Hanno Pöschl seinen 70. Geburtstag. Ihn über seine bewegte und bewegende Karriere sprechen zu hören ist weitaus mehr als eine bloße Aneinanderreihung von Anekdoten. Mehrere Jahrzehnte österreichischer und internationaler Film- und Kinogeschichte werden lebendig und in all ihren Facetten und Widersprüchen erfahrbar. Die Diagonale blickt voller Vorfreude auf eine erhellende und heitere Reise durch das Œuvre des Schauspielers Hanno Pöschl.

Das Filmprogramm Zur Person: Hanno Pöschl versteht sich komplementär und ergänzend zum historischen Spezialprogramm Über-Bilder: Projizierte Weiblichkeit(en).

Filmprogramm Zur Person: Hanno Pöschl

Der Stille Ozean (R: Xaver Schwarzenberger, AT/BRD 1983)
Die Industrie entlässt ihre Kinder (R: Claus Homschak, AT 1976)
Exit … Nur keine Panik (R: Franz Novotny, AT/BRD 1980)
Geschichten aus dem Wiener Wald (R: Maximilian Schell, AT 1979)
Kottan ermittelt: Der Geburtstag (Folge 2)  (R: Peter Patzak, AT 1977)
Querelle (R: Rainer Werner Fassbinder, BRD/FR 1982)
Revanche (R: Götz Spielmann, AT 2008)

 

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