Diagonale
Festival des österreichischen Films
19.–24. März 2019, Graz

Historisches Special
Über-Bilder: Projizierte Weiblichkeit(en)

Das Schreiben und das Schweigen © Carmen Tartarotti

Ein gemeinsames Special von Diagonale, Filmarchiv Austria, Österreichisches Filmmuseum und ORF-Archiv

Ein Essay, drei Archive, mehr als zehn Kurator/innen

Neue Wege beschreitet das historische Special, das 2019 Projektionen von Weiblichkeit(en) in den Fokus rückt und erstmals als „ein Programm der Vielen“ funktioniert. Kaum einem Thema widerfuhr in den letzten Jahren in der Filmbranche größere Aufmerksamkeit als jenem des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern im Allgemeinen und der Frage nach der Rolle der Frau im Speziellen. Die Debatte um Frauen im Film kreist zurzeit in nicht unerheblichem Maße um die (kultur- und filmpolitische) Frage, ob und wie Frauen Bilder machen – um Quoten, konkrete Rollenverteilungen, Bezahlung. Dabei machen Bilder zur selben Zeit auch Frauen – selbst wenn Filme von Männern gemacht werden: Frauenbilder. Oder: Vorstellungen von Weiblichkeit und Weiblichkeiten. Das Programm mit dem Titel Über-Bilder: Projizierte Weiblichkeit(en) widmet sich der Repräsentation und der Narration von Weiblichkeit(en) im österreichischen Film.

 

Ein Essay als Ausgangspunkt

Ausgehend von einem Essay, in dem die Autorin Michelle Koch und die Filmjournalistin Alexandra Zawia ihre Überlegungen zum Status quo der Debatte skizzieren, lädt die Diagonale – gemeinsam mit den Autorinnen und den Partnerarchiven – mehr als zehn mit dem österreichischen Film vertraute Persönlichkeiten ein, in jeweils einem Programmslot auf den vorgelegten Essay zu reagieren – ob zustimmend, ablehnend, kommentierend oder ergänzend bleibt dabei den Eingeladenen überlassen. Unter der Mitwirkung von Österreichs zentralen Bewegtbildarchiven – Filmarchiv Austria, Österreichisches Filmmuseum, ORF-Archiv – gelangen ausgewählte Filme aller Genres, Längen und historischen Epochen zur Aufführung. Naturgemäß verfügt das heurige historische Special über keinen kohärenten, chronologischen Bogen – eine Erzählung ergibt die Zusammenschau sämtlicher Beiträge jedoch allemal.

Treten die Filme – nicht zuletzt auch mit den aktuellen Filmbeiträgen der Diagonale’19 – in Korrespondenz, so wird deutlich, wie historische Figuren („Wiener Mädel“ u. a.) ihren Einfluss über die Geschichte hinweg geltend gemacht haben, welche Erzähl- und Darstellungskonventionen Spuren hinterlassen haben und an welchen historischen Stellen selbst zwischen vermeintlich konkurrierenden Genres und Spielarten des österreichischen Films Korrespondenzen – eine Art „stille Post“ – stattgefunden haben.

„Wie Frauen und Mädchen in der Literatur, in der bildenden Kunst, in der Musik und nicht zuletzt im Film dargestellt werden, beeinflusst maßgeblich, wie Frauen und Mädchen außerhalb dieser Darstellungen in einer – wie auch immer konstituierten – Gesellschaft gesehen werden. Es beeinflusst letztlich auch, wie sie sich selbst und in Bezug auf andere wahrnehmen.“
—— Michelle Koch und Alexandra Zawia

„Bei der Arbeit an der Programmreihe Über-Bilder: Projizierte Weiblichkeit(en) schien es uns wenig zielführend, polyphone, teils widersprüchliche Zugänge und Meinungen auf einen Minimalkonsens einzuschwören. Vielmehr werden die im historischen Special aufgegriffenen und angerissenen Diskussionen in ihrer Polyphonie sichtbar und erlauben unterschiedliche – jedoch nicht wahllose – Interpretationen. Das historische Special der Diagonale’19 ist eine Spurensuche auf der Leinwand, die bestenfalls aktuelle politische Debatten ins Kino verlängert und von der Leinwand holt.“
—— Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber

Das historische Special der Diagonale’19 ist ein Wagnis angesichts der aktuellen (nicht zuletzt politischen) Lage und zeichnet sich durch seine Vielstimmigkeit aus. Es ist ein Programm der unterschiedlichen Meinungen und Sichtweisen, die hier aufeinandertreffen. Die Filmreihe streckt ihre Fühler in unterschiedlichste Genres, geschichtliche Phasen und Spielarten des österreichischen Films aus und hinterfragt dabei auch immer wieder ganz prinzipiell den Begriff einer nationalen Kinematografie. Sie erzählt von Weiblichkeit und Weiblichkeiten, dabei natürlich immer auch, mitunter ex negativo, von Männlichkeitsentwürfen und männlichen Blicken und Konzeptionen. Das Programm weiß davon zu berichten, dass Weiblichkeit kein biologisches Schicksal ist (schon gar nicht im Kino), sondern „die Summe aller Rollen, die die Gesellschaft (und das Kino) ihr aufnötigt, oder die zu spielen ihr selbst gefalle“, um die bürgerlich-feministische Autorin Rosa Mayreder (1858–1938) zu zitieren.

An dem Punkt dokumentiert die Zusammenschau Gesten der Emanzipation und der Selbstermächtigung und berichtet von älteren und jüngeren Versuchen, die Bilder selbst in die Hand zu nehmen.

Das Special Über-Bilder: Projizierte Weiblichkeit(en) trägt jenen Diskurs ins Festival, der die Arbeit an diesem Programm von Anbeginn an begleitet hat. Es ist im besten Fall widersprüchlich und streitbar, liefert Denkanstöße und Fragen anstelle von verkürzten Antworten und ideologischen Fixierungen, die mit einer Bekenntniskultur einhergehen und Neugierde, Kritik und Diskurs als Ansprüche vorab suspendieren. Eine streiflichtartig-lustvolle Erhebung, die Filme aller Gattungen, Längen und Spielarten versammelt, diese in ihrer Zusammenschau in eine übergeordnete Debatte bettet und sie gleichzeitig – jede Arbeit für sich – ganz im Sinne einzelner sinnlicher Kinoerlebnisse verstanden wissen möchte.

 

Ausgewählte Highlights

— Die Künstlerin Amina Handke und die Schauspielerin und Theatermacherin Aslı Kışlal präsentieren und kommentieren live im Kino Die Ahnfrau (AT 1919) und befragen die Arbeit von Jakob Fleck und Louise Kolm-Fleck. Louise Kolm-Fleck ist eine der wegweisenden Filmpionierinnen der Welt. Vor dem Screening von Die Ahnfrau wird die Autorin und Wissenschaftlerin Uli Jürgens ihr jüngst im Mandelbaum Verlag erschienenes Buch über Louise Kolm-Fleck präsentieren.

„Die Filmpionierin trug viele Namen: Louise Veltée, Louise Kolm, Louise Fleck.
Mit der Auswahl ihres Werks soll sie als ‚Ahnfrau‘ stellvertretend für viele Frauen der (Film-)Geschichte stehen. Eine Geschichte, deren Erzählung in Bezug auf die Protagonistinnen viele Leerstellen aufweist.“
—— Amina Handke und Aslı Kışlal

— Der historischen Figur des „Wiener Mädels“ wiederum wendet sich die Filmjournalistin und Autorin Alexandra Seibel zu und zeigt Vorstadtvarieté – Die Amsel von Lichtental (R: Werner Hochbaum, AT 1935) sowie Maskerade von Willi Forst (AT 1934). Die separaten Slots sollen die Dialektik und die Ambivalenzen dieser historisch bedeutsamen Figur zum Ausdruck bringen.

„Das Wiener Mädel, ein Frauentypus aus der Literatur Arthur Schnitzlers, erhielt im Kino – vor allem in jenem der Zwischenkriegszeit – zentrale Bedeutung. In Werner Hochbaums Vorstadtvarieté – Die Amsel von Lichtental wird die Volkssängerin Mizzi Ebeseder zum Opfer eines patriarchalen, militärisch geprägten Klassensystems und macht dessen Grausamkeiten sichtbar. In Willi Forsts Maskerade hingegen rettet das Wiener Mädel Leopoldine Dur selbstlos ihren Geliebten vor einem Skandal und verliert all ihr kritisches Potenzial.“
—— Alexandra Seibel

In 3 Tagen bist du tot © Filmladen Filmverleih

— Welche Rolle das große Narrativ erfolgreicher Emanzipation im Genrekino spielt, verdeutlicht zudem Stefan Ruzowitzky anhand von Andreas Prochaskas Horrorfilmerfolg In 3 Tagen bist du tot (AT 2006).

„Mussten sich Scream-Queens früher von Männern retten lassen, haben sie spätestens seit Jamie Lee Curtis das Messer selbst in die Hand genommen: Irgendwann erkennt das präsumtive weibliche Opfer, dass es nicht Opfer sein muss, wird die Gejagte zur Jägerin und bringt das Böse zur Strecke. Eine erfolgreiche Emanzipationsgeschichte ohne ideologischen Anspruch, dafür bloody wirkungsvoll. Auch in Österreich: In 3 Tagen bist du tot.“
—— Stefan Ruzowitzky

— Mit dem Mayröcker-Porträt Das Schreiben und das Schweigen (R: Carmen Tartarotti, AT 2010) bringt die Musikerin und Schauspielerin Anja Plaschg (Soap&Skin) ein wunderbares Plädoyer für die Poesie und somit eine sinnliche Facette ins Programm ein.

„Es ist die schönste Dokumentation über die geliebte Friederike Mayröcker.“
—— Anja Plaschg

 

Mit weiteren Programmen präsentiert von
— Renate Bertlmann (bildende Künstlerin, Gestaltung des Österreichpavillons bei der Biennale Venedig 2019)
— Camillo Foramitti (Kurator, Leiter der ORF-Archivredaktion/Multimediales Archiv)
— Karola Gramann (Filmkuratorin, Dozentin an der Universität Frankfurt am Main sowie künstlerische Leiterin der Kinothek Asta Nielsen)
— Birgit Kohler (Kodirektorin des Arsenal – Institut für Film und Videokunst in Berlin sowie derzeit Interimsleiterin der Berlinale-Sektion Forum)
— Heide Schlüpmann (Philosophin und Filmwissenschaftlerin)
— Felicitas Thun-Hohenstein (Kuratorin des Österreichpavillons bei der Biennale Venedig 2019, Autorin und Professorin an der Akademie der bildenden Künste Wien)
— Diskollektiv: Andrey Arnold (Filmjournalist u. a. für Die Presse, jugendohnefilm.com, perlentaucher.de), Valerie Dirk (Filmwissenschaftlerin), Iris Fraueneder (Filmwissenschaftlerin), Martin Thomson (Filmkritiker u. a. für Schnitt, Falter, Die Presse sowie Filmwissenschaftler), Ulrike Wirth (Filmwissenschaftlerin)

Mit Filmen von Kurdwin Ayub, Moucle Blackout, Linda Christanell, Katrina Daschner, Carola Dertnig, Valie Export, Willi Forst, Fanni Futterknecht, Werner Hochbaum, Louise Kolm-Fleck und Jakob Fleck, Mara Mattuschka, Heide Pils, Lisl Ponger, Andreas Prochaska, Anja Salomonowitz, Elisabeth von Samsonow, Angela Hans Scheirl und Ursula Pürrer, Ulrich Seidl und Carmen Tartarotti.

In der Reihe In Referenz stehen drei weitere Programme in enger Verbindung mit dem heurigen Special. Rote Linien ins Programm gehen von Otto Preminger, Romy Schneider sowie von der Medienwerkstatt Wien und der Golden Pixel Cooperative aus.

Das historische Special 2019 – ein festivalprogrammatisches „Überbild“, um über Bilder nachzudenken und zu sinnieren.