Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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Erde
Dokumentarfilm, AT 2019, Farbe, 115 min., OmdU
Diagonale 2019

Regie, Buch, Kamera: Nikolaus Geyrhalter
Schnitt: Niki Mossböck
Originalton: Pavel Cuzuioc Simon Graf Lenka Mikulová Hjalti Bager-Jonathansson Nora Czamler
Sounddesign: Florian Kindlinger
Weitere Credits: Tonmischung: Alexander Koller Farbkorrektur: Lukas Lerperger Kameraassistenz:Christoph Grasser, Sebastian Arlamovsky, Thomas Cervenca, Simon Graf, Alexander Gugitscher, Felix Krisai
Produzent/innen: Michael Kitzberger, Markus Glaser, Wolfgang Widerhofer, Nikolaus Geyrhalter
Produktion: NGF - Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH

 

Eine Großbaustelle in Kalifornien, ein Marmorsteinbruch in Italien, eine Kupfermine in Spanien oder der entstehende Basistunnel unter dem Brennerpass: 156 Millionen Tonnen Erde bewegt der Mensch täglich. Der Verhältnisordnung zwischen Natur, Menschen und deren Maschinen nachspürend begibt sich Nikolaus Geyrhalter in Erde an Orte, an denen der Mensch tiefe Wunden in die Natur schlägt, um ihrer habhaft zu werden.

Eine mit Sand und Gestein bedeckte Fläche, die von oben gefilmt den gesamten Bildraum einnimmt. Langsam ziehen dort unten ein paar Baufahrzeuge – klein wie Spielzeugautos wirken sie aus dieser Perspektive – spiralförmige Bahnen. In den folgenden Einstellungen durchmisst die Kamera die Baustelle auf ihrem Grund. In einem ruckeligen Vor und Zurück graben sich die Schaufeln von Raupenbaggern vor dem Panorama einer kargen Bergkette durch den Boden, um ebendiesen abzutragen. Eine Siedlung soll hier entstehen – Straßen, Häuser, vermutlich ein paar Shoppingmalls.
Die Großbaustelle in Kalifornien, ein Marmorsteinbruch in Italien, eine Kupfermine in Spanien oder der entstehende Basistunnel unter dem Brennerpass: In seinem jüngsten Werk Erde begibt sich Nikolaus Geyrhalter an eine Reihe von Orten, an denen der Mensch tiefe Wunden in die Natur schlägt, um ihrer habhaft zu werden. Seine präzis komponierten Bilder wandern von oben nach unten, bewegen sich von außen nach innen und wieder zurück, um Schritt für Schritt die Kraft- und Größenrelationen zwischen Mensch, dessen Maschinen und Natur freizulegen. So zeigen etwa ausgefeilte Einstellungen des Brennerbasistunnels erst das maschinenüberfrachtete Innenleben des Stollens mitsamt seinen Außenrändern, um in einer späteren Ansicht den Handgriffen eines Arbeiters zu folgen, der unter Höllenlärm mit wuchtiger Gerätschaft grobe Löcher ins Gestein drillt. Eine Verhältnisordnung, der Erde auch in den eingeflochtenen Gesprächssequenzen nachspürt, in denen die Protagonist/innen direkt in die Kamera blickend von jenen Arbeitsprozessen sprechen, die der Film ins Auge fasst. Hier und da fragt Geyrhalter behutsam aus dem Off nach Hintergründen, Triebfedern und denkbaren Konsequenzen des menschlichen Einwirkens gegen die Natur. Dass dieses per se nicht ohne Spuren bleiben kann, die letztlich unbehaglich auf uns selbst zurückfallen, thematisiert Erde nicht zuletzt in den späteren Sequenzen. Der entscheidende geologische Faktor der Gegenwart, so heißt es zu Beginn des Films, ist eben der Mensch.
(Katalogtext, jk)

Erde (macht) in seiner subtilen Reduziertheit diese Welt in besonderer Weise spürbar: die grauen Haufen, Hügel und Berge. Die Schwärze und die Risse. Die sandigen Landschaften, durchquert von einer Vielzahl verschiedenster mechanischer Hilfsmittel, die wie Raupen oder Regenwürmer hin- und herkriechen. Die Dimensionen sind hier immens, die Relationen abhandengekommen, die Welt ist dem Menschen entglitten. „There is always a bigger machine, a bigger engine and when all fails there is always dynamite. We always win.“ Oder auch nicht.
(Alejandro Bachmann, Berlinale Forum 2019)