Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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Selfportrait
Innovatives Kino kurz, AT 1972, Farbe, 5 min., eOF
Diagonale 2019

Regie: Maria Lassnig

 

Das Programm eröffnet Einblicke in den unabhängigen experimentellen feministischen Film Österreichs der 1970er- und 1980er-Jahre. Es zeigt Arbeiten, die, ganz augenfällig ohne aufwendige Budgets gedreht, einen gesellschafts-, einen patriarchatskritischen Impetus hatten und diesen Impuls ausspielten.

Das Programm eröffnet Einblicke in den unabhängigen experimentellen feministischen Film Österreichs der 1970er- und 1980er-Jahre. Es zeigt Arbeiten, die, ganz augenfällig ohne aufwendige Budgets gedreht, einen gesellschafts-, einen patriarchatskritischen Impetus hatten und diesen Impuls ausspielten. Auf ihre Weise sind sie „Spielfilme“. Das möchten wir zur Geltung bringen: die Leichtigkeit, in der sich eine Distanz zur Last herrschender Strukturen ausdrückte, den Mut, sich die Freiheit zu nehmen, diese Strukturen einfach zu ignorieren oder ins Lächerliche zu ziehen. Daran zu erinnern wird im Kontext der Institutionalisierung von Frauenemanzipation und des wachsenden Anspruchs an den Staat, Probleme rechtlich zu lösen, relevant. Relevant auch angesichts der neuen Normierungen des politisch Korrekten, nicht zuletzt im Film. Diese inzwischen historischen Filme haben eine Aktualität. Sie verwerfen die alten Normierungen und Gebote, ohne neue aufzustellen. Es sind Filme von unten, die sich von da aus nicht zu einer abermaligen Dominanz erheben. Last, not least stellt dieses Programm dem technologischen Bohei und der scheinbaren Perfektion des digitalen Kinos ein unaufwendiges, imperfektes Kino entgegen.
Anna von Linda Christanell steht am Anfang. Der Film nimmt die Frauenrolle der Vorfahren, der Mütter und Großmütter, wahr und vergegenwärtigt sie. Vor unseren emanzipierten Augen erscheint das Eingeschlossensein im Haus, erscheint die endlose Wiederholung gleicher Tätigkeit, erscheint die Gefangene. Zugleich erhebt der Film sich nicht über jene „unemanzipierte“ Frau. Er entfaltet vielmehr eine Empathie mit der Eingeschlossenen über eine Liebe zu den Dingen, die die Kamera entdeckt und umwirbt. Dinge, die Hände von Frauen produzierten und in denen sie ihr Leben verwirklicht haben; und ihr Leiden.
Den Aufbruch der Frauen wie auch der Männer verkörpert Die Geburt der Venus von Moucle Blackout. Der Film ist eine Ode an die 1970er-Jahre: sexuelle Befreiung, Hippiekultur, on the road. Wir pfeifen auf die Psychotherapie und verwenden den Rorschachtest als Spielzeug im filmischen Bogen von Botticellis Gemälde „Die Geburt der Venus“ zur Fotografie des verunfallten, noch als im Tod liebenswerten Schweins.
Lisl Pongers The Four Corners of the World ist ein Aufbruch in die weite Welt. Ohne Worte verlebendigt dieser Film das Gefühl von Freiheit – das die Frau mit der Kamera erlebte und das im dunklen Raum des Kinos wiederkehrt. Der Atem im Schauen. Batman fliegt als kleiner Mann auch mal durch die große Welt, die der Film unserem Blick eröffnet.
Sich selbst darzustellen nach all den Männerbildern von Frauen. Dieser Wille verbindet sämtliche Filme des Programms. Selfportait von Maria Lassnig fokussiert darauf. Jedoch verbünden sich Zeichenstift und Kamera, um die Vorstellung einer Identität, einer weiblichen Identität zu enttäuschen.
Die Super-8-Girl Games sind Ursula Pürrer und Angela Hans Scheirl. Auch Mara Mattuschka. Alle drei mischen den fotografischen Film mit Handzeichnungen auf, mit Handkratzern und Tuschstiften auf dem Filmmaterial. Doch auch vor der Kamera tut sich einiges. Übermütige Bloßstellungen der Körper, gymnastische Übungen zum Spott der Muskelmänner, das weibliche Geschlecht genießt sich. Und der Kopf klagt an, klagt seine Zurichtung an.
(Karola Gramann und Heide Schlüpmann)