Diagonale
Festival des österreichischen Films
19.–24. März 2019, Graz

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Salt of the Earth (Salz der Erde)
Spielfilm, US 1954, Schwarzweiß, 92 min., eOV
Diagonale 2018

Regie: Herbert Biberman
Buch: Michael Wilson Herbert Bibermann
Darsteller/innen: Rosaura Revueltas, Will Geer, David Wolff, David Sarris, Merwin Williams, Juan Chacon
Kamera: Simon Lazarus
Musik: Sol Kaplan

 

Zwei Streikfilme: In Salt of the Earth kämpfen mexikanische Minenarbeiter für die gleichen Rechte wie ihre amerikanischen Kollegen. Als ihnen polizeilich verboten wird, Streikposten aufzustellen, führen die Frauen den Protest weiter. Biberman konnte seinen Film nur unter großen Schwierigkeiten und gegen den Boykott von Behörden, Kopierwerken, Gewerkschaften, Kinobetrieben und Zeitungen realisieren und öffentlich aufführen. In seiner kompromisslosen Engführung von Arbeitskampf mit Rassismus und aufkeimender Frauenemanzipation bleibt Salt of the Earth bis heute unerreicht. Im Kontrast dazu Österreich im Mai 1978: In der Semperit-Reifenfabrik in Traiskirchen dokumentieren Josef Aichholzer und Ruth Beckermann den einzigen mehr als dreiwöchigen Streik seit Kriegsende. Auf amol a Streik!

Die Story lieferte ein ungewöhnlicher Streik, der gerade in New Mexico im Gang war: Die „New Jersey Zinc“ wurde von der Ortsgruppe der „Internationalen Gewerkschaft der Minen-, Hochofen- und Hüttenarbeiter“, einer der elf ausgeschlossenen Gewerkschaften, bestreikt. Nach acht Monaten hatte die Gesellschaft versucht, den Streik mit dem Taft-Hartley-Gesetz zu brechen. Den Bergleuten wurde verboten, Streikposten aufzustellen. Daraufhin bezogen die Frauen, für die das Verbot keine Geltung hatte, die Posten.
(Aus dem Filmladen-Katalog vom November 1982)

Der Film war nicht zufällig die Nummer eins im Verleihprogramm. Die völlig fremde Gegend in New Mexico, in der der Film angesiedelt ist, und die oft archaisch anmutenden Abhängigkeitsverhältnisse der Arbeiter und deren Umgang mit ihren Frauen werfen ein umso klareres Licht auf die uns scheinbar so bekannten eigenen Lebensverhältnisse. Die Erzählperspektive ist überwiegend jene von Esperanza, die sich aus ihrer Rolle als Frau und Mutter durch den Streik zu lösen beginnt. Es ist eine jener schmerzhaften Liebesgeschichten, die die Entwicklung von Menschen zeigen, die sich aus alten, traditionellen Rollenzuschreibungen loszulösen beginnen. Die Veränderung in Gestik und Mimik Esperanzas, großartig von Rosaura Revueltas imaginiert, erzählt von ihren inneren Widersprüchen. Man ist verführt zu sagen, man fühlt die Seele in der Bewegung dieser starken Frau. Neben dieser sinnlichen Qualität ist der Film auch Beispiel für einen jener Gebrauchsfilme, wie sie damals unter dem Eindruck der Althusser-Lacan’schen Apparatustheorie diskutiert wurden. Dabei wird dem Kino eine zentrale Stelle in der Ideologieproduktion zugewiesen und auch die Traumfabrik Hollywoods unter diesem Aspekt gesehen. Die existenzgefährdende Zensur in der McCarthy-Ära und die prekäre Produktionsgeschichte unterstreichen die Bedeutung des Films für ein anderes Verständnis von Unterhaltung und Ideologie. Lösen wir das Bild der gegen seine Frau erhobenen Hand des Mannes aus dem narrativen Kontext, wird es reine Gegenwart, das Zukunft antizipieren lässt.
(Katalogtext, Franz Grafl)