Diagonale
Festival des österreichischen Films
19.–24. März 2019, Graz

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Die bauliche Maßnahme
Dokumentarfilm, AT 2018, Farbe, 112 min., dOV
Diagonale 2018

Regie, Buch, Kamera: Nikolaus Geyrhalter
Schnitt: Emily Artmann, Gernot Grassl
Originalton: Eva Hausberger
Weitere Credits: Recherche, Regieassistenz Eva Hausberger
Produzent/innen: Markus Glaser, Michael Kitzberger, Wolfgang Widerhofer, Nikolaus Geyrhalter
Produktion: NGF Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

 

Brennpunkt Brenner. Ausgehend von der befahrbaren Grenze zwischen Italien und Österreich vermisst Die bauliche Maßnahme jene Umgebung, die Schauplatz eines innereuropäischen Politikwechsels war. Der Raum erschließt sich dabei durch die für Nikolaus Geyrhalter typischen sehr genauen Totalen und in längeren Gesprächen mit Polizisten, Einheimischen, Wanderern, Bauern, Gastwirt/innen und Mautkassiererinnen. Was hier in diesem Sammelbecken politisch-persönlicher Haltungen sichtbar wird, betrifft ganz Europa.

Nikolaus Geyrhalters neueste Arbeit beginnt an der befahrbaren Grenze des Brenners, um sich in konzentrischen Kreisen davon zu entfernen in die umliegenden Täler und Berge, die kleinen Gemeinden und Betriebe. Gleich am Anfang: die Totale entlang einer Straße, die Sicht in die Tiefe und auf die Ränder verstellt von einer Polizeistaffel in voller Kampfmontur, vor ihr ein kleiner Zaun, hinter ihr die Berge und Täler rund um den Brenner. Schnitt auf den Titel: „Die bauliche Maßnahme“. Mit diesen beiden Einstellungen markiert der Film bereits eine Haltung, stellt den exekutiven Akt der Aufrüstung in ein Verhältnis zu einem bürokratischen Begriff. Aus dieser heraus nimmt er eine Region, die in den letzten Jahrzehnten eine reine Durchgangsstation von Süd- nach Nordeuropa war, in jenem Moment in den Fokus, in dem diese auf Beschluss der österreichischen Regierung zu einer innereuropäischen Grenze werden soll.
Die für Geyrhalter typischen gefühlvoll und präzis gesetzten Totalen vermitteln entlang des Films ein Bild von Landschaft und Struktur der Umgebung und bilden Übergänge zwischen längeren Gesprächspassagen, in denen die Menschen selbst von ihren Erfahrungen und Beobachtungen, Ängsten und Gedanken erzählen. So entsteht ein Kaleidoskop von politischen Haltungen, das wie in angeschwemmt (1994) oder Pripyat (1999) einen Raum über die Erzählungen seiner Bewohner/innen sichtbar macht. Deren Vielstimmigkeit wird in Die bauliche Maßnahme wie selten zuvor im Werk des Filmemachers besonders auch über Worte und Intonationen deutlich, etwa wenn über die die Grenzen überquerenden Menschen als „unrechtmäßig aufhältige Fremde“, „feine Menschen“, „die mit den anderen Sitten“ oder „die, die auch da unten bleiben könnten“, gesprochen wird. Geyrhalter bleibt dabei ruhig, hört jedem genau zu, fragt an entscheidenden Stellen geschickt nach und legt so in den Sprechenden frei, was der Kontakt mit Fremden in ihnen auslöst.
Während Geyrhalters Filme sich bisher meistens mit dem Danach eines Ereignisses beschäftigt haben, ist er hier dabei, während es sich ereignet. An öffentlichen Orten berichten Fernsehen und Radio aus dem Off von den großen Entscheidungen auf EU-Ebene, während die Kamera das Hier und Jetzt vor Ort ins Auge fasst. Dabei bewegt man sich im Lauf des Films permanent durch den Raum – zu Fuß, im Auto, im LKW, durch den Tunnel zur Mautstation –, um zugleich von jenen zu hören, denen genau das untersagt werden soll. Die bauliche Maßnahme – der Grenzzaun – liegt am Ende des Films immer noch im Container, das Denken der Menschen ist aber schon von ihr geprägt.
(Katalogtext, ab)