Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

1000 Takte Film

Pop – Film – Österreich

 

„Immer diese Popmusik, Popmusik, Popmusik! Wo führt das nur hin?“
Auf diese den Lyrics der EAV entnommene Frage sei heuer erwidert: auf jeden Fall zur Diagonale’17 nach Graz. Mit dem historischen Spezialprogramm 1000 Takte Film sucht die Diagonale’17 nach Einflüssen (österreichischer) Popkultur auf den österreichischen Film und vice versa – schlaglichtartig, facettenreich, neugierig und unterhaltsam. Gemeinsam, aber aus unterschiedlichen Blick- und Hörwinkeln spüren das Österreichische Filmmuseum, das Filmarchiv Austria, das ORF-Archiv und der Musiker und Journalist Robert Rotifer popkulturellen Phänomenen und Motiven in Film und Fernsehen nach.

Verbunden mit Begriffen wie „Austropop 2.0“ durfte sich die österreichische Popkultur, besonders die jüngere Generation, zuletzt über große Aufmerksamkeit freuen. Pop ist darüber hinaus in den letzten Jahren hierzulande wieder verstärkt als Austragungsort politischer Auseinandersetzungen in Erscheinung getreten. Nach der letztjährigen Reihe Österreich: zum Vergessen setzt die Diagonale ihre Befragung österreichischer Identität und deren Bewegtbilder deshalb heuer am „Schauplatz Pop“ fort. Der Programmschwerpunkt, der von Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber konzipiert und mitgestaltet wurde, versammelt Arbeiten, für die Pop mit Subversion, Gegenkultur und Dissidenz einherging, ebenso wie Filme, die von einem neugierigen, unmittelbaren, gegenwartsfixierten Fortschrittsglauben angetrieben werden. Und schließlich filmische Positionen, die zu einer Zeit entstanden, in der Pop längst selbstreferenziell geworden war und seine eigenen Kulturtechniken zu reflektieren begann. Hier ein erster Ausblick:

 

The Bands, Still: Sammlung Österreichisches Filmmuseum

Ausgehend von jenem Moment, in dem mit der Besetzung der Wiener Arena im Sommer 1976 Pop, Film und politische Haltung in besonderer Weise näher zusammenrückten, untersucht das von Alejandro Bachmann verantwortete Programm des Österreichischen Filmmuseums das Ineinander(-Wirken) von Pop und Film: Die Figur des Drifters steht dabei im Zentrum der Überlegung, wie Popkultur in Filmen sichtbar wird, was an Pop grundlegend filmisch sein könnte und wie Pop und Film sich gegenseitig infizieren – sei es in dokumentarischen Zugängen oder in fiktionalen Formen. Das Programm mit dem Titel This is not America – Austrian Drifters versammelt Filme von John Cook, Peter Ily Huemer, Barbara Albert, Kurt Kren, Dietmar Brehm, Karin Fisslthaler u. a. und bringt nach vielen Jahren Arbeiten wie Egon Humers The Bands (AT 1993) oder Wolfgang Strobls frühes Szeneporträt Eiszeit (AT 1983) zurück auf die Leinwand.

 

Coconuts, Still: Filmarchiv Austria

Das von Paul Poet kuratierte Programm Austro-Pop-Film – Starschnittpositionen zum österreichischen Kino des Filmarchiv Austria hingegen zeigt Rock- und Popgrößen in tragenden Filmrollen: So bekleidet neben Hansi Lang in Dieter Berners Ich oder Du (AT 1984) und Rainhard Fendrich in Franz Novotnys Coconuts (AT 1985) auch Wolfgang Ambros in Rainer Boldts Der Fehlschuss (AT 1976) eine Hauptrolle im Programm. Als Bonustrack hat Paul Poet zwei filmische Zeitkapseln aus dem ORF-Archiv im Gepäck. Die Pariser Kommune (R: Peter Sämann, AT 1978), ein einstündiges Destillat des Theatralischen, zeigt neben der Ausstattung von Ruth Beckermann auch die Vertonung der „Proletenpassion“ von den Schmetterlingen rund um Willi Resetarits/Kurt Ostbahn. Im bizarr-bunten Fernsehspiel Neon Mix von 1983 wird eine Punkband für einen Werbejingle gecastet, deren Musiker wiederum von Wilfried Scheutz und Mario Bottazzi, damals Mitglieder der steirischen EAV, gemimt werden.

Ebenfalls aus dem ORF-Archiv kommt das schonungslose Porträt einer Popikone: Bei einem energiegeladenen Konzert im Praterstadion zeigt Hansi Lang – Ich spiele Leben (R: Rudi Dolezal, AT 1984) seinen Protagonisten am Höhepunkt der Karriere, ehe Rudi Dolezal die Zerbrechlichkeit eines Grenzgängers und die Folgen eines Lebens im ständigen Rampenlicht hervorkehrt: „Für manche wird die offene Art schockierend sein, mit der Hansi Lang die Dinge beim Namen nennt, aber ich halte das für eine viel größere Leistung, als eine Maske aufzusetzen und etwas vorzugaukeln“, schrieb der Regisseur 1984 im zugehörigen Pressetext. Ergänzend schlagen Musikvideos von Antonin B. Pevny – Regisseur u. a. für Bands wie Bilderbuch – die Brücke zur Gegenwart.

 

Durchgang, Still: Wolfgang Möstl

Den Blick aus der Perspektive der österreichischen Musikszene liefert Robert Rotifer. Der in London lebende Journalist, Radiomoderator, Musiker und Exkurator des Popfests Wien widmet seine zwei Programme dem Techno und dem Indie-Pop. So erschließt sich der Zusammenhang zwischen der Jugendkultur und dem elektronischen Musikgenre über ein populäres Musikvideo von Stefan Ruzowitzky und über dessen Spielfilmdebüt Tempo (AT 1996), an dessen Soundtrack Szenegrößen wie Peter Kruder und Patrick Pulsinger musikalisch mitwirkten. Letzterer wiederum tritt auch in der ORF-Kurzreportage Techno in Wien (AT 1992) über die damals blühende Szene rund um die legendären Gasometer-Raves auf. Um die Person des Regisseurs und Musikers Wolfgang Möstl – bekannt mit seinen Bands Mile Me Deaf, Sex Jams u. a. – kreist der zweite Programm-Sampler: An den experimentellen Tourfilm Durchgang (AT 2017) seiner Band Mile Me Deaf reiht sich der preisgekrönte Spielfilm Talea (R: Katharina Mückstein, AT 2014), für dessen Filmmusik der Steirer zusammen mit der Musikerin und Künstlerin Veronika Eberhart verantwortlich zeichnet.

Nicht zuletzt schlägt sich der diesjährige Schwerpunkt auch in den cineastischen Stadtentdeckungen des Street Cinema Graz nieder: Auf den Straßen von 8020 Graz werden ehemalige und aktuelle Tummelplätze Grazer Musik- und Popkultur zu Projektionsflächen für Musikvideos. Als weiteres Steiermark-Highlight lässt sich die Premiere von Markus Mörths Porträtfilm Boris Bukowski – Der Fritze mit der Spritze (AT 2017) anführen.

Hidden Track: Der Titel der Reihe ist eine Reminiszenz an die Band Chuzpe und ihren legendären Albumtitel „1000 Takte Tanz“. Ebenfalls mit dieser Band zu tun hat ein Dokumentarfilm, der den historischen Schwerpunkt in den aktuellen Filmwettbewerb hinein verlängert.

 

 

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1000 Beat Film