Diagonale
Festival des österreichischen Films
8.–13. Juni 2021, Graz

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Weiyena – Ein Heimatfilm
Dokumentarfilm, AT 2020, Farbe, 96 min., 11.06. OmdU/12.06. OmeU
Diagonale 2021

Regie: Weina Zhao, Judith Benedikt
Buch: Weina Zhao
Darsteller*innen: Zhao Tiewang, Huang Zimin, Liu Shuzhen, Zhao Shimin, Huang Minghua, Ying Ping
Kamera: Judith Benedikt
Schnitt: Birgit Foerster
Originalton: Andreas Hamza
Musik: Andreas Hamza
Sounddesign: Bernhard Köper (Soundfeiler)
Weitere Credits: Dramaturgische Beratung: Andrea Ernst, Andreas Hoessli (Projektentwicklung) Zusätzliche Kamera: Song Ting, Simon Graf, Ilkka Jarvilaturi Kameraassistenz: Nino Pfaffenbichler, Simon Graf Zusätzlicher Ton: Wayne Riley Schnittberatung: Andrea Wagner Schnittassistenz: Julia Eder, Tobias Schachinger Farbkorrektur: Matthias Halibrand Postprodutkion: Ulrich Grimm (av-design) Untertitel: Mandana Taban (translatingfilms) Grafik: Eva-Maria Frey Übersetzung: Weina Zhao, Isabel Wolte, David Lobner, Julia Achleitner, Julia Renner Herstellungsleitung: Brigitte Ortner Produktionsleitung: Katharina Bernard Aufnahmeleitung: Isabel Wolte Postproduktionskoordination: Tobias Schachinger Produktionsassistenz: Barbara Kainberger Prouzent/innen: Kurt Langbein, Andrea Ernst Presse & Marketing: Ines Kratzmüller Weltvertrieb: Christa Auderlitzky (filmdelights)
Produzent*innen: Kurt Langbein, Andrea Ernst
Produktion: Langbein & Partner

 

Wäre das Leben ihrer Großmutter ein Spielfilm, hätte Weina Zhao ihn bereits nach einer halben Stunde ausgeschaltet – zu brutal, zu tragisch das Geschehen. So aber hat sie, gemeinsam mit Judith Benedikt, einen eigenen Film über ihre chinesische Familie gedreht. Weiyena – Ein Heimatfilm ist Zeugnis einer Suche. Diese führt nach Peking und Shanghai, tief hinein in politische wie soziale Umwälzungen des 20. Jahrhunderts, und letztlich auch zu Weina Zhao selbst.

„Unterhaltet euch mal, ich gehe kochen“, lautet die Aufforderung aus dem Off. Weina Zhao sitzt mit ihrem Großvater Gonggong am Tisch, beide schweigen. Ihre Mutter hat sich in die Küche verzogen. Wie beginnt man ein Gespräch, in dem es um nicht weniger als die Vergangenheit gehen soll? Gonggong zündet sich erst einmal eine Zigarette an. Kennengelernt hat man den alten Mann zuvor als einen, der ausschließlich kalt duscht und sein Wasser aus einem Glas mit goldenem Schraubverschluss trinkt. Von Tee hält er nichts. „Ich bin in zwei Welten aufgewachsen und fühle mich eigentlich zu Hause in meiner Zwischenwelt“, sagt Weina. Aus dieser Zwischen­welt soll nun vermittelt werden. Denn von hier stammen die Gedanken der jungen Frau, die durch den Film tragen. So fragt sich Weina etwa: „Will ich das alles wissen? Geht es mir nun besser, nachdem mir die vielen Grausamkeiten bekannt sind, die meine Familie durchleben musste?“
Weiyena – Ein Heimatfilm beschreibt eine Reise nach China. Hier liegen die Wurzeln von Weina Zhao, deren Eltern nach Österreich immigrierten und ihrer Tochter gleich den Namen der hiesigen Hauptstadt verpassten. China wiederum ist ein Land, das Weina vor allem als Ferienerinnerung kennt: laute Zikaden im Sommer, Süßigkeiten aus Weißdorn. Doch wer waren die Großeltern wirklich? Und wie viel von ihnen steckt in Weina? „Intime Fragen werden als Spiel getarnt“, lautet die Methodik. Das Ergebnis ist schwer zu ertragen: „Wenn das Leben meiner Großmutter ein Spielfilm wäre, hätte ich schon nach einer halben Stunde ausgeschaltet, weil ich die nicht enden wollenden Tragödien und die Brutalität nicht ertragen hätte.“
Von Brutalität sind die Geschichten beider Großelternpaare geprägt. Gemein ist ihnen aber auch ein starker, für die Enkelin teils nicht nachvollziehbarer Glaube an den Kommunismus unter Mao Zedong. Die Vorzeichen jenes Glaubens könnten dabei kaum unterschiedlicher sein: Während die Eltern von Weinas Vater als einfache Leute aus Nordchina einen Aufstieg erlebten und nach Peking zogen, kamen die der Mutter als Intellektuelle aus Shanghai und wurden im Zuge der Kulturrevolution zu Verfolgten. Es ist der Familienstrang, der zugleich am stärksten mit Weina Zhaos künstlerischen Ambitionen korreliert: Großmutter A’bu arbeitete als Editorin für das Zentrale Nachrichtenfilmstudio, Urgroßvater Ying Yunwei drehte den ersten abendfüllenden Tonfilm des Landes. Weiyena – Ein Heimatfilm ist eine mutige Erkundung der eigenen Herkunft, die auch vor den dunkleren Kapiteln des 20. Jahrhunderts nicht zurückschreckt und damit eine feine Linie bis in die Gegenwart zeichnet.
(Katalogtext, cw)

Dieser Film ist auch Teil der Diagonale-Kollektion im KINO VOD CLUB. Mehr unter diagonale.at/canale-diagonale.