| Position | Billy Roisz |
PICKNICK IM SINUSWELLENTAL.
ZUR KINO- UND KLANGARBEIT DER KÜNSTLERIN BILLY ROISZ
Von Stefan Grissemann

Billy Roisz in Wien im Oktober 2025 © Diagonale / Lisbeth Kovačič
Manchmal genügt es schon, die Maschinen falsch zu verkabeln, um der Gefahr zu entgehen, nur dem zu folgen, was andere schon gemacht haben. So beschloss Billy Roisz irgendwann gegen Ende des vorigen Jahrtausends in Vorbereitung eines Konzerts, die Audiosignale ihrer Musik widmungswidrig in den Videoeingang ihres Bildmischpults zu schleusen – um abstrakte Visuals zu generieren, die von den akustischen Impulsen ganz direkt ausgelöst werden.
Statt aber in den sich daraus ergebenden Phänomenen, in all den zuckenden Linien, Gittern und elektrischen Farblichtblitzen bloß Bildstörungen wahrzunehmen, erkannte Billy Roisz die ungewohnte, modulierbare Schönheit dieser fragilen Muster. Sie hatte ihr Instrument gefunden. Seither produziert sie, ihre Methoden unaufhörlich variierend und verfeinernd, spektakuläre, oft hypnotisch pulsierende Werke, manche gänzlich abstrakt, andere realbildunterfüttert – eine Art beautiful noise für Hirn, Augen und Ohren. Die erstaunlich physische Wirkung dieser Bewegtbildobjekte ist intendiert. „Ich will, dass meine Arbeiten direkt an die Synapsen und das Körperempfinden andocken“, sagt die Wienerin, die sich nicht nur als Film- und Videokünstlerin betrachtet, sondern auch als Live-Performerin, Sound-Artistin und Musikerin: Sie veröffentlicht Alben, schneidert Stummfilmklassikern elektronische Soundtracks auf den Leib, bringt improvisierte Drone- und Noise-Kompositionen auf die Bühne.
Picnic at Sine Wave Valley heißt ein Track auf dem spartanisch angelegten Double-Bass-Industrial-Album Bajo, das Billy Roisz 2023 veröffentlichte, und der Titel der Komposition verspricht, was auch ihre audiovisuellen Kreationen einlösen: individuell arrangierten Genuss im analog-elektronischen Park der Klang- und Bildschwingungen.
Bei aller Lust an der von den Leinwänden strahlenden Farbe ist Billy Roisz’ Filmen stets etwas Dunkles, vage Abgründiges eigen. Die nervös rhythmisierten rot-grün-gelben Kreisformen in der – programmatisch betitelten – Arbeit HAPPY DOOM (2023) drohen in ein schwarzes Loch gesaugt zu werden. Der Underground der „gefährlichen“ Bilder und zudringlichen Klänge, aus dem die Künstlerin stammt, ist in ihren Produktionen nach wie vor präsent, als Prägung, Idee und Ahnung, er klafft wie ein ferner, aber bodenloser Schacht.
Das Spiel mit der Farbe betreibt Roisz kunstgeschichtlich, neurowissenschaftlich und psychophysiologisch informiert: Das präzise dosierte Netzhaut-Experiment Who’s Afraid of RGB (2019) etwa spielt auf rote, grüne und blaue Farbflächen an, aus einiger Distanz auch auf die Malerei Barnett Newmans und Mark Rothkos. do they speak color? (2022) setzt auf verfremdete und künstlich kolorierte Realbilder, um einen enigmatischen Science-Fiction-Film entstehen zu lassen, der aussieht, als hätten Aliens die Postproduktion abgewickelt.
Ihre Arbeit begreift Billy Roisz als kollaborativ, die Liste derer, mit denen sie als Filmemacherin musikalisch interagiert, ist lang – mit dabei, neben anderen: Karolina Preuschl und Isabella Forciniti, Matija Schellander, Susanna Gartmayer, Toshimaru Nakamura, Peter Kutin, Martin Siewert, Christof Kurzmann, Angélica Castelló, Burkhard Stangl; für Bands wie schtum, MoE, Mopcut, Radian und Broken.Heart.Collector hat sie Musikvideos hergestellt. Den Regiecredit teilt sie sich bisweilen mit dem Musiker dieb13/Dieter Kovačič, zweimal auch mit der Videokünstlerin Michaela Grill.
In erster Linie gehe es ihr „um Wahrnehmungsexperimente auf optischer und akustischer Ebene“, meint Billy Roisz. „Was passiert mit dem Gehörten, wenn ich ganz unmittelbar und analog dazu etwas sehe – und umgekehrt? Audio- und Videosignale, also das Medium selbst, stellt sie in den Mittelpunkt der Ästhetik. Die analoge Videotechnik sei auf Halbbildzeilen und Raster gebaut, auf die „Soundfrequenzen aufmoduliert werden“. Die so verwendeten Signale werden „gleichzeitig zur audiovisuellen Skulptur und zum Werkzeug selbst“. Sie mag das Rohe, Materialhafte an ihren „Glitches und Noises, dem perfekten Rohstoff meiner audiovisuellen Klangskulpturen“. Zufall und Improvisation seien durchaus Teil ihres Tuns, die Entscheidungen der Maschinen aber nicht gleichrangig mit ihren eigenen, wie sie lächelnd anmerkt: „Ich bin schon die Dompteurin in meinem elektronischen Zoo.“
Für ihr jüngstes Picknick hat Billy Roisz – via Filmtitel – den alten Lust- und Foltergarten des Hieronymus Bosch in einen neuen, synthetischen Tierpark, einen Schauplatz der elektrischen Vergnügungen verwandelt: Im Garden of Electric Delights (2025) werden die fremden Bilder und Klänge aus ihrem Schlummer in den Schaltkreisen der Vintage-Apparate, die Billy Roisz konstruiert, miteinander verbindet und benutzt, erlöst.
Über den Autor:
Stefan Grissemann leitet seit 2002 das Kulturressort des österreichischen Nachrichtenmagazins profil; Buchveröffentlichungen zu Ulrich Seidl, Edgar G. Ulmer, Elfriede Jelinek, Robert Frank, Peter Kubelka und Michael Haneke. Seine Texte zum Gegenwartskino sind u. a. in der FAZ, im Kunstforum und im New Yorker Film Comment erschienen.