Diagonale
Festival des österreichischen Films
16.–21. März 2021, Graz

Die Diagonale’20 wurde aufgrund der behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 abgesagt.

 

Kontakt für Anfragen:
Gudrun Jöller
gudrun.joeller@diagonale.at
Tel.: +43 650 52 52 424

Das Programm der kino:CLASS’20 als PDF.

 

Unterrichtsmaterialien zum kino:CLASS Programm 1 und Programm 2 zum Download.

kino:CLASS’20

kino:class

Mit zwei unterschiedlichen Formaten laden wir Sie und Ihre Schüler/innen herzlich zum Vermittlungsprogramm der Diagonale’20 ein:

Die kino:CLASS schafft Raum für Diskurs und persönliche Begegnungen. Erfahrene Filmvermittler/innen bringen die Schüler/innen ins Gespräch mit den anwesenden Filmemacher/innen und gestalten in persönlicher Atmosphäre eine intensive Auseinandersetzung mit den Filmen.

Der kino:CLASS:day bietet in außergewöhnlichem Rahmen einen Tag lang Festivalambiente für Schüler/innen. In der Grazer Helmut List Halle, dem temporär größten Kinosaal Österreichs, laufen auf monumentaler Leinwand zwei unterschiedliche Programmblöcke der kino:CLASS hintereinander. Die Schüler/innen besuchen beide Programme, sind von 9 bis 14 Uhr vor Ort und schnuppern Festivalluft. Michael Ostrowski führt gewohnt humorvoll und charmant durch das Programm und moderiert die Gespräche mit den anwesenden Filmemacher/innen.

 

 

Filmprogramm

Programm 1: Me and you and everyone we know: Jugend und Identität

 

Dauer Filmprogramm: 63 Minuten

Das Filmprogramm Me and you and everyone we know: Jugend und Identität besteht aus sechs Filmen, die im Festival in verschiedenen Sektionen gezeigt werden: dem Innovativen Kino, dem Dokumentarfilm sowie im historischen Special. Das Programm erlaubt unterschiedliche Lesarten und Interpretationen. Gemein ist ihnen ein Fokus auf Jugend und Coming-of-age sowie die in dieser Lebensphase zentrale Frage, wer wir sind, wo wir hingehören, wie wir über uns und andere durch Bilder nachdenken – wie also Identität konstruiert wird. Welchen Mustern folgen wir? Welche Konturen geben wir dem eigenen Leben? Und was bleibt übrig, wenn die Schichten der Selbstinszenierung abgetragen und kritisch aufs Korn genommen werden? Die Filme denken über diese Fragen mit den Mitteln des Animationsfilms, des Dokumentarfilms, des experimentellen Films sowie des Musikvideos nach. Ein filmisches Kaleidoskop der Jugend.

KLITCLIQUE – Auto © Anna Spanlang

In Her Boots | R: Kathrin Steinbacher | AT/GB 2019 | Animation, 6 Minuten
Hedi scheint irgendwie aus der Norm gefallen. Beim Frü̈hstü̈ck mit der Enkelin trägt sie gerne auch mal nichts – außer ihren ausgetretenen Wanderstiefeln, die langsam, aber sicher zerfallen. Hedi hält an ihnen fest, sie bedeuten ihr mehr als bequemes Schuhwerk. Wenn der Alltag sie ü̈berfordert, die Realität sich zur hämischen Fratze verzerrt, klopft sie die Spitzen ihrer roten Schuhe aneinander und entschwindet in eine andere Wirklichkeit, eine andere Zeit, in der sie dynamisch Berge erklimmt, jung ist, frei und verliebt. Schuhe voller Erinnerungen, voller Leben, ohne die Hedi den Halt und auch sich selbst zu verlieren droht. Oszillierend zwischen Innen- und Außenperspektive, Imagination und Realität, Lebensfreude und Verlustangst versetzt Kathrin Steinbachers empathisch-humorvoller Animationsfilm in die Wahrnehmungswelt einer demenzkranken alten Frau. Eine skurrile Wanderung durch instabiles Terrain, die vor Augen fü̈hrt, wie es sich wohl anfü̈hlt, in Hedis Schuhen zu stecken.

KLITCLIQUE – Auto | R: Anna Spanlang | AT 2019 | Musikvideo | 3 Minuten
„You’re a very sick man, Michael“, attestiert zu Beginn ein digitaler Therapeut seinem ebenso kü̈nstlichen Patienten. Sexuell aber sei er „artig“ gewesen, antwortet dieser. Was immer das heißen mag. In Anna Spanlangs Musikvideo zum Track „Auto“ von KLITCLIQUE – „Wiens Antwort auf traurige Boys“ – mü̈ndet dies in einer witzigen Collage aus medialen Versatzstü̈cken autofahrender Männer: vom „GTA“-Avatar bis zum Papst, von der maschinellen Penisverlängerung ü̈ber männliche Selbstdarstellung auf YouTube bis zur Explosion der Atombombe. Der Mann am Steuer, das Auto als Lanze, die Richtungsvorgabe als phallische Neurose. Impliziert das Bild einer nachhaltigeren, ökologischeren und weniger präpotenten Zukunft der Menschheit das Überkommen vor allem männlicher Minderwertigkeitskomplexe?

LOLOLOL | R: Kurdwin Ayub | AT 2020 | Kurzdokumentarfilm, 20 Minuten
Anthea Schranz ist 23 Jahre alt, lebt in Wien und macht Kunst. Einen Tag lang hat Kurdwin Ayub sie fü̈r LOLOLOL mit einem iPhoneX, gehalten von Caroline Bobek, begleitet und wichtige Stationen eingefangen. Es werden Fragen geklärt („Ist die Astrid ein Artpeople?“), Abneigung und Zustimmung artikuliert („So funny, Oida“, „Urweird“), und es wird sich der Herausforderung gestellt, sich möglichst desinteressiert, also cool, durch die Massen eines Kunstevents zu manövrieren. Antheas Leben wie das ihrer Freundinnen Ada und Maximiliane bedeutet Stress, dem Sinnsuche und auch ein wenig Exzess beigemengt sind. Ayub lässt alle Szenen unkommentiert und wird zur unsichtbaren Nachtbegleiterin. Ein Behind-the-Scenes fü̈r das, was vielleicht einmal große Kunst werden kann – oder ein Post auf Instagram.

Contouring | R: Veronika Schubert | AT 2019 | Animation, 4 Minuten
Die Basis fü̈r Veronika Schuberts Animationsfilm Contouring bilden mit Kohlepapier nachgezeichnete Textilmuster. Wechselnde Patterns aus blauen und weißen Quadraten, die sich im Verlauf des Films vervielfältigen und neu anordnen, bis sie sich schließlich zu animierten Mosaiken zusammenfü̈gen: zu Bildcollagen, in denen sich Konturen und Flächen weiblicher Gesichter abzeichnen. Zu den Pixelköpfen montiert Schubert eine Toncollage aus Influencer-Lifestyle-Tipps und Beauty-Tutorials entnommenen Schminkanleitungen. In ihrer kü̈nstlerischen Auseinandersetzung mit Schönheitsstandards und Geschlechterrollen verzichtet Schubert auf die realistische Abbildung von Körpern. Stattdessen exponiert sie Schönheit und Weiblichkeitsbilder als soziale Konstrukte. Bricolagen, die sich aus einer Vielzahl immer und immer wieder (medial) reproduzierter Strukturen zusammensetzen.

Losgelassen – Jugend in Graz | R: Rene Brueger | AT 1986 | Kurzdokumentarfilm, 26 Minuten
Ein Sprung in die Steiermark der 1980er-Jahre: „Für die Jugendlichen wird hier viel zu wenig gemacht … Graz ist Pensiopolis!“, lautet ein Statement aus Rene Bruegers einzigartigem Videodokument der Grazer Jugendszene und -bewegungen der 1980er- Jahre. Im Zentrum des Kurzfilms aus dem historischen Special der Diagonale’20 steht die Frage „Wo sind unsere Räume?“ gestellt im Grazer Stadtpark, in Cafés, in der Innenstadt, in Diskos und Konzertlokalen.

Wanda – Ciao Baby | R: Jasmin Baumgartner | AT 2019 | Musikvideo, 4 Minuten
„Manchmal denk ich, alles schwer. Manchmal lach ich umso mehr. Manchmal geht sich alles aus. Manchmal geb ich alles auf“, beginnt das Stück „Ciao Baby“ von Wanda, dessen Musikvideo Regisseurin Jasmin Baumgartner gestaltet hat. Kerlige Emotionalität aus Wien.

 

Programm 2: Geht eine Socke zum Orchesterhearing … Erwartungen, Vorurteile, Erzählstrategien

 

Dauer Filmprogramm: 59 Minuten

Das Programm kombiniert drei narrative Filme des Genres Kurzspielfilm. Ihre Erzählstrategien sind gänzlich unterschiedlich. Gemein ist ihnen dafür der Versuch zu hinterfragen, wie wir die Welt betrachten und wie unsere Erwartungshaltungen sowie Klischeebilder und Stereotype die eigene Wahrnehmung prägen. Was darf sichtbar sein, was soll besser verborgen bleiben, welches Verhalten erwarten wir? Was passiert also, wenn sich der grandiose Musiker beim Orchesterhearing als virtuose Socke (!) entpuppt? Oder die eigene vermeintlich offene Einstellung schon beim Waschmaschinenkauf ins Strudeln gerät. Und ist eigentlich schon der völlig freie und offene Umgang in einer Wohngemeinschaft zweier junger Frauen ausreichend, um die eigene Erwartungshaltung zu irritieren? Drei Kurzspielfilme von drei der vielversprechendsten Stimmen des jungen österreichischen Kinos.

Geh Vau / Sexual Intercourse, Marie Luise Lehner © Sixpackfilm

Das beste Orchester der Welt | R: Henning Backhaus | AT 2019 | Kurzspielfilm, 13 Minuten
Ingbert Socke (der Name ist Programm) müht sich ganz schön ab, seinen Kontrabass durch das Orchestergewölbe zu manövrieren, doch gekonnt ist gekonnt. Zum Probespiel fü̈r die Stelle eines Kontrabassisten der Wiener Staatskapelle unternimmt er seinen ersten Ausflug unter Menschen und sollte dafür nicht enttäuscht werden. Eigentlich. Die Auswahlkommission ist von seiner Darbietung begeistert, trotzdem verhindert sie sein Fortkommen. Warum nur?
Es ist ein kühnes Drehbuch und Konzept, das Henning Backhaus gemeinsam mit Albert Meisl und Rafael Haider entwickelt hat. In exzellenter Machart zeigen sie nicht nur, wie gescheit man Puppenspiel und Film kombinieren kann, sondern auch, wer in dieser Menschwelt warum und wofür (kein Spoiler: nämlich für die eigenen Zwecke) die Fäden zieht.

Die Waschmaschine | R: Dominik Hartl | AT 20120 | Kurzspielfilm, 25 Minuten
In der Pärchenwohnung ist die alte Waschmaschine hin, aber die Entsorgung kostet. Simon und Lea verscherbeln sie übers Internet: „Gebraucht, aber gut. Selbstabholung!“ Ein Mann namens Hassan nimmt sie tatsächlich noch am selben Abend mit – meldet sich naturgemäß aber am nächsten Tag wieder. Simon soll das kaputte Ding gefälligst wieder abholen. Der stellt sich aber lieber ein bisschen tot und taub (so wie er das in der langjährigen Beziehung mit Lea bereits ü̈ben konnte) – er schweigt. Doch Hassan bleibt hartnäckig, und Simon wird aus Schuldgefü̈hl leicht paranoid. Plötzlich sieht er Zusammenhänge, wo keine sind, ahnt Konsequenzen von lediglich imaginierten Handlungen und lässt seinen kulturalistischen Klischeevorstellungen freien Lauf. Dominik Hartls Kurzspielfilm entwickelt nicht nur eine entlarvende und bisweilen regelrecht schmerzhaft witzige Abwärtsspirale, sondern beschreibt auch typisches Pärchendasein – von beiden toll gespielt.

Geh Vau / Sexual Intercourse | R: Marie Luise Lehner | AT 2019 | Kurzspielfilm, 21 Minuten
Es reicht gerade noch fü̈r „Ich bin der Anton“, dann wird alles, was Anton ü̈ber sich und das Kennenlernen von Thea zu sagen hätte, vom lauten Geräusch der Kaffeemü̈hle ü̈bertönt, die Theas Mitbewohnerin Paula gerade in der kleinen Kü̈che bedient. Wie gleichgü̈ltig dieser Anton Paula letztlich sein wird, wird darauf ankommen, wie es ihrer besten Freundin Thea mit ihm geht. Die Zeit des Übergangs, des Sichveränderns, des ständigen Wechsels: Studienrichtungen, Wohnungen, Sexualpartner/innen, Identitäten: Der wahre Fortschritt, sich nicht festlegen zu mü̈ssen. Regisseurin (sowie Autorin und Mitglied der feministischen Punkband Schapka) Marie Luise Lehner zeigt charmanten Alltagsrealismus in einer zwanglosen Frauen-WG. Intimität, Begehren und Zuneigung werden offen und verspielt verhandelt. Hier sind die Frauen am Wort.

 

 


Bei der Vermittlungsinitiative Schüler/innen und Lehrlingsvorstellungen wird die Diagonale vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung, dem Land Steiermark Bildung & Gesellschaft, der Kulturvermittlung Steiermark, OeAD / KulturKontakt Austria, AK Steiermark sowie von unserem Sponsor Energie Graz unterstützt.
Der kino:CLASS:day in der Helmut List Halle wird zusätzlich von AVL Cultural Foundation, Land Steiermark Kultur, Land Steiermark Bildung & Gesellschaft, BMBWF, G´SCHEIT FEIERN, LUISA IST DA! und frisch saftig steirisch unterstützt.
Medienpartner/innen: Kleine Zeitung, Radio Helsinki 92.6 – Freies Radio Graz. Weiters bedanken wir uns für die Zusammenarbeit bei folgenden Partner/innen: HLW Schrödinger, LBS Feldbach, ABZ Graz-Andritz.