Diagonale
Festival des österreichischen Films
8.–13. Juni 2021, Graz

 

Großer Diagonale-Schauspielpreis’21

für Verdienste um die österreichische Filmkultur

 

Christine Ostermayer

Christine Ostermayer in “Anfang 80” © Monika Saulich/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Im Rahmen der Festivaleröffnung am 8. Juni vergibt die Diagonale’21 bereits zum vierzehnten Mal den Großen Diagonale-Schauspielpreis für Verdienste um die österreichische Filmkultur. Die Diagonale freut sich bekanntzugeben, dass die Auszeichnung heuer an Christine Ostermayer geht. Die Theater-, Film- und Fernsehschauspielerin wird den Preis – ein Kunstobjekt von Verena Dengler – in Graz persönlich entgegennehmen.

„Kleine feine Gesten, mit nobler Grazie gespielt: Egal wo und in welcher bedeutenden Rolle die Schauspielerin Christine Ostermayer auf die Bühne trat – sie begeisterte ihr Publikum.“ Mit dieser akkuraten Beobachtung leitete die Süddeutsche Zeitung 2016 einen Artikel anlässlich Ostermayers 80. Geburtstages ein. Dass die 1936 in Wien geborene Schauspielerin exakt jene „energische Dame von divenhafter Grandezza“ ist, als die sie im selbigen beschrieben wird, bestätigte sich auch, als sie die Nachricht über die Auszeichnungen mit dem Großen Diagonale-Schauspielpreis 2021 entgegennahm: „Sie machen sich lächerlich, wenn Sie mich auszeichnen!“ Resches Idiom, umschmeichelt von unvergleichlichem Charme – Christine Ostermayer ist eine einnehmend herzliche Person. Es ist der Schauspieljury der Diagonale (Ute Baumhackl, Christian Konrad, Julia Franz Richter, Julia Stemberger und Hüseyin Tabak) eine unendliche Freude, sie auszuzeichnen: „In vielen und vielfältigen Rollen stellt Christine Ostermayer unter Beweis, wie einfühlsam, schlicht und echt sie ihre Arbeit ausgestaltet. Jüngst erst in der Rolle einer fragilen, klugen, herzenswarmen Großmutter in EIN BISSCHEN BLEIBEN WIR NOCH (R: Arash T. Riahi, AT 2020), in den letzten Jahren unter anderem als Liebhaberin in Anfang 80 (R: Sabine Hiebler, Gerhard Ertl, AT 2011) oder als demenzkranke Frau in Nebenwege (R: Michael Ammann, DE 2014). Ihre Karriere umspannt eine ganze Ära und ein breites Feld an Theater-, Fernseh-, Film- und Hörspielrollen, in denen sie – als Leading Lady genauso wie in Charakterrollen – ihren Figuren eine innige Tiefe verleiht. Christine Ostermayer ist eine Schauspielerin mit Humor, Geist, Feingefühl. Eine Menschendarstellerin, die leuchtet, ohne ständig prunken zu müssen. Somit zeichnet dieser Preis ein langes, lebendiges und beeindruckendes Schauspielerinnenleben aus, das auf gleichbleibend hohem Niveau die österreichische Film- und Theaterwelt seit Jahrzehnten bereichert.“

Nach dem Schauspielpreis für ihre gefeierte Darbietung in Anfang 80 bei der Diagonale’12 ist es bereits die zweite Auszeichnung für Christine Ostermayer im Rahmen des Festivals des österreichischen Films.

Die Vergabe des Großen Diagonale-Schauspielpreises 2021 an Christine Ostermayer erfolgt im Rahmen der festlichen Eröffnung der Diagonale am 8. Juni in der Grazer Helmut List Halle. Das Festival des österreichischen Films eröffnet aufgrund der gesetzlichen Sperrstunden- und Abstandsregelung mit zwei aufeinanderfolgenden Vorstellungen von Arman T. Riahis Fuchs im Bau (AT 2020). Nach Absage der Diagonale’20 wird auch die Vorjahrespreisträgerin Ursula Strauss den Großen Diagonale-Schauspielpreis am 8. Juni persönlich entgegennehmen. Die Verleihung erfolgt bei der ersten Eröffnungsvorstellung am Nachmittag. Das Eröffnungsfest muss Covid-19-bedingt leider entfallen.

 

Brennen, strahlen, wärmen: eine Sonne der Schauspielzunft 
Einen Höhepunkt in Ostermayers Schauspielkarriere stellte der vielfach ausgezeichnete Spielfilm Anfang 80 von Sabine Hiebler und Gerhard Ertl (AT 2011) dar, der vor dem Hintergrund der jüngst von Mavie Hörbiger losgetretenen Altersdebatte auch besetzungspolitische Vorbildwirkung für den österreichischen Film in sich birgt. Das mutige Spiel in der Spätrolle brachte Christine Ostermayer 2012 die erste Würdigung im Rahmen der Diagonale ein: Für ihre Darstellung der krebskranken Rosa wurde sie mit dem Schauspielpreis für einen bemerkenswerten Auftritt in einem Wettbewerbsfilm ausgezeichnet. Die „wahre Größe“ und „Sonne unserer Zunft“ zeigte darin, was es bedeutet, für den Schauspielberuf zu brennen. Die Jury frohlockte: „Und Sie, liebe Christine Ostermayer, gewinnen uns mit Ihrer herausragenden, einfühlsamen, wahrhaftigen, lebensbejahenden, schonungslosen und mutigen Darstellung. Wenn Ihre Rosa sich in Bruno verliebt, zaubern Sie uns den Frühling in die Herzen und auch wir verlieben uns. In Sie!“ Nach Auftritten in Catalina Molinas ORF-Landkrimi Drachenjungfrau (AT 2015) bei der Diagonale’16 und in Marie Kreutzers ORF-Stadtkomödie Notlüge (AT 2017) bei der Diagonale’17 hätte Christine Ostermayer im Vorjahr wieder in einer zentralen Rolle auf den Grazer Kinoleinwänden zu sehen sein sollen: In Arash T. Riahis poetischem EIN BISSCHEN BLEIBEN WIR NOCH spielt sie eine an Parkinson erkrankte Oma, die sich mit einem der beiden aus Tschetschenien geflüchteten und voneinander getrennt untergebrachten Kindern anfreundet. Es ist die bisher letzte Kinorolle einer beindruckenden Karriere, in der die heute 84-Jährige etwa auch an der Fernsehverfilmung klassischer Stücke wie Der Talisman (AT 1976), Der Widerspenstigen Zähmung (BRD 1971) und Was ihr wollt (BRD 1973) durch Regisseur Otto Schenk sowie an Serien wie Schnell ermittelt, Der Winzerkönig sowie einigen Tatort– und Derrick-Folgen mitwirkte.

 

Von Kindertheater und Ausdruckstänzen, von frühen und späten Anfängen  
Christine Ostermayers Schauspielkarriere begann im frühen Alter. Aus der Empfehlung ihres Kinderarztes, Gymnastik zu betreiben, wurde Tanz bei Willy Fränzl. Schnell wechselte sie ans neu gegründete Wiener Kindertheater von Hanna Berger und sammelte dort schon im Alter von sieben Jahren erste Bühnenerfahrungen. Auf das Kindertheater folgte kurz darauf eine Tanzausbildung an der Akademie für Musik und darstellende Kunst. Ihre Liebe war der Ausdruckstanz, sagte Ostermayer, die es 1954 schließlich zur Schauspielausbildung ans Max Reinhardt Seminar zog, einmal. Nach ihrem Debüt an den Städtischen Bühnen in Essen, spielte Christine Ostermayer vier Jahre an den Wuppertaler Bühnen. Von 1963 bis 1984 gehörte sie dem Ensemble des Bayerischen Staatsschauspiels (Münchner Residenztheater) an. Es folgten Engagements in Düsseldorf, Berlin, Zürich, am Wiener Burgtheater, am Theater in der Josefstadt sowie bei den Salzburger Festspielen. Ab 1994 war Christine Ostermayer auch am Münchner Volkstheater zu sehen. Parallel zu ihrer Theaterlaufbahn arbeitete sie für Film und Fernsehen und wirkte an zahlreichen Hörspielen mit.

1968 wurde Ostermayer mit dem Förderpreis der Stadt München ausgezeichnet, 1975 erhielt sie die Kainz-Medaille, 1999 den Nestroy-Ring und 2010 den Piscator Jubiläumspreis. 2017 wurde die Wahlmünchnerin mit der Medaille „München leuchtet“ für außergewöhnliche Verdienste um das Theaterleben gewürdigt. Für ihre Rolle in Arash T. Riahis EIN BISSCHEN BLEIBEN WIR NOCH ist sie für den Österreichischen Filmpreis 2021 in einer Hauptkategorie nominiert.

 

Ein Kunstwerk für Christine Ostermayer, gestaltet von Verena Dengler
Die Preisträgerin des Großen Diagonale-Schauspielpreises 2021 erhält ein Kunstobjekt, gestaltet und gestiftet von Verena Dengler, ermöglicht durch legero united – the shoemakers | Initiator of con-tempus.eu.

Mit ihrem anspielungsreichen, pointierten und mitunter provokativen Werk – zu sehen zuletzt in einer Einzelausstellung in der Wiener Secession – macht Verena Dengler international von sich reden. Für den diesjährigen Großen Diagonale-Schauspielpreis hat Dengler einen goldenen Selfiestick aus Bronze gestaltet.

„Nicht erst seit Corona ist das traditionelle Kino mit Alternativen und Veränderungen konfrontiert: Filme schrumpfen auf die Größe von Handybildschirmen – und das wiederum führt zu Vereinzelung statt kollektiver Erfahrung. Der goldene Selfiestick, jedoch, steht für einen positiven Aspekt: Durch die Demokratisierung des Mediums Film und dem damit einhergehenden Wegfall von traditionellen Gatekeeper*innen kann sich heutzutage jede*r eine Plattform schaffen. Dabei lassen sich die Saugnäpfe solcher weit verbreiteten Selfiesticks wiederum auch mit jenen eines Kraken vergleichen – eine Metapher für um sich greifende, antisemitische und verschwörungstheoretische Inhalte, die von all jenen in Umlauf gebracht werden können, die die geilsten Bilder erzeugen.“
––– Verena Dengler über den von ihr gestifteten Preis

 

Schauspieljury 2021
Ute Baumhackl (Ressortleiterin Kultur & Medien, Kleine Zeitung)
Christian Konrad (Ressortleiter Film, ORF)
Julia Franz Richter (Schauspielerin)
Julia Stemberger (Schauspielerin, Vertretung VdFS)
Hüseyin Tabak (Regisseur, Produzent, Drehbuchautor)