Diagonale
Festival des österreichischen Films
8.–13. Juni 2021, Graz

FilmprogrammRegisseur*innen | Spielplan

 


Mittwoch, 09.06.
16:00 Uhr, Schubertkino 1
Sonntag, 13.06.
10:00 Uhr, KIZ Royal 1

VAKUUM

Dokumentarfilm, AT/DE 2021, digital, 82 min, dOF

Auch im Südburgenland versucht man, „das Virus auszuhungern“. Kristina Schranz ist in ihre Heimat zurückgekehrt und filmt die ersten Kapitel der Pandemie. Zwischen Frühjahr und Weihnachten 2020, vom ersten Lockdown – in dem ein jeder für sich allein hockt, Kindergärtnerinnen Spielsachen desinfizieren und der Konditor einsam in der Backstube steht –, über die Öffnung im Sommer bis zur zweiten Schließung. Die Stimmung ist mehrheitlich ernst, die neue Leere fordert. Wie geht es weiter?

„Wir müssen alle gemeinsam diese Maßnahmen setzen, um das Virus auszuhungern“, schwört Kanzler Sebastian Kurz im Zuge des ersten Lockdowns die österreichische Bevölkerung ein. Das Motto lautet: „Bleiben Sie zu Hause.“ Kristina Schranz schaut sich derweil in ihrer Heimat im Südburgenland um. Wie geht es den Tätigen in Gastronomie und Nachtleben? Wie Kindergärtnerinnen, Eltern, Senior/innen? „Nach dem Frühstück ziehe ich meinen Pyjama an und gehe in die Schule“, liest eine Grundschülerin aus einem Arbeitsheft vor. Mit ihrer Schwester sitzt sie im Kinderzimmer. Nein, der Satz könne so nicht stimmen, stellt sie fest. Doch in Zeiten von Corona? Für die Angestellte eines Kinos fühlt sich die Krise an „wie der Dritte Weltkrieg, nur ohne Waffen“. Und auf die Frage, was ihm am meisten fehle, antwortet ein Konditor: „Die Sicherheit, wenn ich auf mein Konto schau.“
VAKUUM ist wie ein langer Spaziergang durchs dünn Besiedelte: Vereinzelt trifft man auf jemanden, dazwischen gibt es häufig nichts. Verlassen sind die Straßen und die Bushaltestellen, immer wieder weisen Schilder auf die Ausnahmesituation hin oder wollen Zuversicht verbreiten. Eine Welt im Stillstand, die Schranz konsequent in klare, feste Bilder übersetzt. Dabei harren viele noch an ihren Arbeitsstätten aus – im Kindergarten werden Stühle desinfiziert und Lieder auf der Gitarre angestimmt, der Konditor wartet in seiner Backstube auf Bestellungen, eine Wirtin schaut aus dem Fenster ihres Gasthauses, und in der Kirche betätigt sich ein Geistlicher. Nur fehlen Kinder, Kund/innen, Gäste und Gläubige. Manchmal wird versucht, mittels Technik Nähe herzustellen – dann blicken Plüschtiere mit winzigen Stoffmasken in eine Kamera und möchten Vorbild sein und Solidarität bekunden. Oder eine Predigt streamt sich ins Netz.
Denn das neue Vakuum ist auch eine Aufforderung zur Ideenfindung – etwa ein Desinfektionsgerät, dessen Kaltnebel auch unzugängliche Stellen erreicht, ein choreografiertes Handwasch-Tutorial für Volksschüler/innen zur Wiederöffnung der Schulen nach der ersten Schließung im Frühjahr oder private Corona-Testpläne für die Weihnachtstage im Kreis der Familie während des zweiten Lockdowns im Winter 2020/21. Manche sind überfordert, von Sorgen und Albträumen geplagt, andere versammeln sich, um gegen auferlegte Maßnahmen zu demonstrieren, während wieder andere hoffnungsvoller in die Zukunft blicken oder die Schwere der Pandemie durch prägendere Krisenerfahrungen relativieren können. Kristina Schranz schenkt Gehör. Sie durchdringt das Vakuum, das sich um die Menschen gebildet hat und ihre Klagen erstickt. Das Instrumentarium, das sie hierfür gebraucht, ist so aufrichtig wie unmittelbar: Schranz fragt schlicht nach dem Befinden. Die Stimmung ist mehrheitlich ernst, die neue Leere fordert. Wie geht es weiter?
(Katalogtext, cw)

Dieser Film ist auch Teil der Diagonale-Kollektion im KINO VOD CLUB. Mehr unter diagonale.at/canale-diagonale.  

Regie: Kristina Schranz
Buch: Kristina Schranz
Darsteller*innen: Elizabeth Herzog-Schmidinger, Raimund Schmidinger, Christian Kaplan, Gerhard Nussbaumer, Helga Pflug, Laura, Lisa & Verena Seper, Georg Halper, Michael Hochwarter, Natalie Horvath, Branko Kornfeind, Sandra Löwer
Kamera: Kristina Schranz
Schnitt: Sebastian Schreiner
Originalton: Kristina Schranz
Musik: Elisabeth Lehner, Michael Dax, Markus Lang, Dominik Hofstädter, Nikolaus Nöhrer
Sounddesign: Andrew Mottl
Weitere Credits: Dramaturgie: Sebastian Schreiner Tonmischung: Andrew Mottl VFX & Farbkorrektur: Andi Winter Redaktion BR: Natalie Lambsdorff Redaktionsleitung BR: Carlos Gerstenhauer Filmgeschäftsführung: Katharina Posch
Produzent*innen: Kristina Schranz
Produktion: Stella Luce Film
Koproduktion: Bayerischer Rundfunk (DE) HFF München (DE)