Diagonale
Festival des österreichischen Films
8.–13. Juni 2021, Graz

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Once Upon a Time in Venezuela
Dokumentarfilm, VE/GB/AT/BR 2020, Farbe, 99 min., OmeU
Diagonale 2021

Regie: Anabel Rodríguez Ríos
Buch: Anabel Rodríguez Ríos, Sepp R. Brudermann
Kamera: John Márquez
Schnitt: Sepp R. Brudermann
Originalton: Marco Salaverria, Gherman Gil
Musik: Nascuy Linares
Sounddesign: Daniel Turini
Weitere Credits: Executive Producer Venezuela: Claudia Lepage
Produzent*innen: Sepp R. Brudermann, Arash T. Tiahi, Malu Campos, Nancy Harrison, Joe Torres
Produktion: Sancocho Público A.C. (VE)
Koproduktion: Sancocho Público A.C. (VE) Spiraleye Productions Ltd. (GB) Golden Girls Film Pacto Films (BR) Tres Cinematografía (VE)

 

Congo Mirador war einst ein wohlhabendes Fischerdorf, gebaut auf Stelzen am Maracaibo-See, dem größten Ölfeld Venezuelas. Heute versinkt das Dorf in verschmutztem Wasser, Korruption und politischer Gewalt, die Bewohner/innen wandern ab. Once Upon a Time in Venezuela ist das Porträt eines kleinen Dorfes und die prophetische Reflexion eines ganzen Landes, die vor Augen führt, wo die Dinge enden, wenn man sich gegen die zersetzenden Kräfte des Populismus nicht zur Wehr setzt: in Diktatur und Zerstörung.

Wenn es Nacht wird in Congo Mirador, wird der Himmel von Hunderten Blitzen durchzuckt, die sich scheinbar stumm, ohne hörbares Donnern entladen. Angezogen von diesem außergewöhnlichen Naturphänomen reiste die in Wien lebende venezolanische Regisseurin Anabel Rodríguez Ríos in den Nordosten ihres Herkunftslandes. In dem auf Stelzen errichteten Dorf inmitten des Maracaibo-Sees offenbarte sich allerdings weitaus mehr als die spektakulären Catatumbo-Gewitter: Die einst wohlhabende und belebte Siedlung, die vorwiegend von der Fischerei und vom Tourismus lebte, ist inzwischen dem Zerfall preisgegeben. Ungebremste Verschmutzung durch Ölbohrungen und im See freigesetzte Sedimente haben die Gegend nahezu unbewohnbar gemacht. Die Häuser drohen im Schlamm zu versinken, die Lebensbedingungen sind schlecht, die Nahrungsmittel knapp. Hier, wo selbst die Vögel sterben wollen, können die Menschen kaum noch existieren. Nach und nach verlassen sie mit ihrem Hab und Gut – manchmal sogar mit ihren Häusern, die sie auf zwei Booten balancieren – das Dorf. Die noch Dagebliebenen hoffen auf die bevorstehenden Parlamentswahlen, weil Wählerstimmenfang immer politisches Engagement in Aussicht stellt. Und die Bewohner/innen noch weiter­­ ­­­­­­spaltet.
Im Fokus von Once Upon a Time in Venezuela stehen die Frauen: Etwa die junge Yoaini, deren Zu­­kunftsper­spektive sich in diesem unwirtlichen Habitat auf Heirat und Mutterschaft im Teenageralter verengt. Die komplexe Misere des Dorfes veranschaulicht der Film aber vor allem anhand des Widerstreits zwischen zwei Ansässigen, die sich in entgegengesetzten Zonen des politischen Spektrums bewegen, sich aber beide für die Zukunft des Dorfes einsetzen: auf der einen Seite Tamara, Chávez-Anhängerin und lokale Vertreterin von Maduros sozialistischer Einheitspartei, die mit „Staatsgeschenken“ Stimmen für die sozialistische Partei gewinnen will. Auf der anderen Seite die Dorflehrerin Natalie, die als Regimekritikerin um den Fortbestand ihres Arbeitsplatzes bangen muss. Nach Jahren des Engagements – und leerer Versprechen seitens der Politik – erweist sich der Kampf beider Frauen als vergeblich. Die Forderungen des Dorfes bleiben wie die Blitze am nächtlichen Himmel ungehört.
Für ihren Film, der beim Sundance Film Festival uraufgeführt wurde, besuchte Anabell Rodríguez Ríos Congo Mirador über mehrere Jahre, um die Entwicklungen aus Perspektive der Betroffenen zu verfolgen, die der Regisseurin Einblicke in den Alltag, in Lebensstrukturen und politische Zusammenkünfte gewährten, als wäre sie ein vertrautes Mitglied ihrer Gemeinschaft. Entstanden ist nicht nur ein augenöffnender Dokumentarfilm über die Zerstörung eines Dorfes durch Umweltverschmutzung und Korruption, sondern zugleich die prophetische Reflexion einer ganzen Nation.
(Katalogtext, mk)