Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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Canale Grande
Innovatives Kino, AT 1983, Farbe, 88 min., OmeU
Diagonale 2020

Regie, Buch: Friederike Pezold
Darsteller/innen: Friederike Pezold, Elfi Mikesch, Hildegard Westbeld, Ebba Jahn u. a.
Kamera: Elfi Mikesch, Wolfgang Pilgrim, Fritz Ölberg
Produzent/innen: Friederike Pezold

 

Canale Grande ist eines der geheimen Meisterwerke des österreichischen Kinos, ein Musterbeispiel von subversiver Filmkunst. In dieser Low-Budget-Arbeit hat die Protagonistin (von Regisseurin Pezold selbst gespielt) das konventionelle Fernsehen satt und erfindet ihre eigene, höchst persönliche Form des „Nahsehens“. Während Pezolds Handschrift durchaus zeitgenössische Frische aufweist, wohnt den atmosphärischen Stadtansichten eine berührende Zeitkapselqualität inne. Ebenso wie dem vorangehenden kuriosen Kurzfilm Magic Graz.

Friederike Pezolds Canale Grande ist einer der originellsten Filme, die je in Österreich (ko-)produziert wurden. Weil er aber nur extrem selten zu sehen ist (und nie in einem Heimvideoformat veröffentlicht wurde), bleibt er zugleich eines der geheimen Meisterwerke der heimischen Kinogeschichte – was vielleicht nur angemessen ist für ein Musterbeispiel von Film als subversiver Kunst.
Zur Eröffnung wird ein Fernsehbildschirm (auf dem nervtötend volksmusikalisch gedudelt wird) schwarz übermalt – im Geist der Protagonistin (von Pezold selbst gespielt) glitzert schon die Idee eines alternativen Mediums: Für ihr „Radio Freies Utopia“ will sie Fernsehen durch „Nahsehen“ ersetzen, „weil unpersönlich ist heute eh schon alles“. Frechheit siegt! Erst gilt es, eine Videokamera zu organisieren – beim versuchten Abschrauben einer Überwachungskamera am Karlsplatz bittet Friederike einen herumstehenden Polizisten um Hilfe, er ist ja schließlich „Freund und Helfer“. Als es Friederike schließlich gelungen ist, ihr Programm ins Leben zu rufen, verwandelt sich ihr Wohnzimmer in ein Heimstudio, in dem utopische Fantasien umgesetzt werden: Ein Mann bringt ein Baby zur Welt, die Reiseabenteuer passieren im Kopf, statt Testbild-Ereignislosigkeit gibt es absurde Performancefestspiele („Hexen beim Wixen“), und in einer Art Grabstein-TV wird sogar über das Leben nach dem Tod berichtet. Die verspielte und hochkomische Privatproduktion geht Hand in Hand mit Privatkontakt zum Publikum – eine Einzelperson genügt –, mit dem auch gern in frechen Interviews interagiert wird.
Während Canale Grande mit immer neuen Inszenierungsideen und Wendungen verblüfft, wird gegen die Gleichschaltung der Medien – „egal ob öffentlich-rechtlich oder privat“ – und die „Scheiße“, mit der diese das Publikum berieseln, agitiert: „Macht euren eigenen Scheiß!“
Das Visionäre von Pezolds verschmitzt-anarchischem Vorschlag ist in Internetzeiten noch augenfälliger geworden. Pezolds individuelle Handschrift verleiht Canale Grande dabei eine völlig zeitlose Frische, auch wenn der Film nebenbei als Zeitdokument besticht: vom menschlichen Videoturmgestell, das die altmodische Technik verlangt, bis zu den atmosphärischen Stadtbildern aus den frühen 1980er-Jahren – mittendrin übersiedelt Friederike samt dem Film nach Berlin, denn „in Wien war überhaupt alles immer hin“.
(Katalogtext, Christoph Huber)