Diagonale
Festival des österreichischen Films
21.–26. März 2023, Graz

 

In Referenz

Canale Grande, Friederike Pezold © Filmarchiv Austria

In Referenz: Ayub, Pezold, Haneke und mehr …

Mit der Reihe In Referenz verschränkt, vermittelt und erweitert die Diagonale Schwerpunkte rund um ihr aktuelles Festivalprogramm: In Referenz zum heurigen Filmwettbewerb zeigt die Diagonale’22 Frühwerke von Friederike Pezold und Kurdwin Ayub: Jeweils zwei Filme ergänzen die aktuellen Arbeiten Revolution der Augen (R: Friederike Pezold, AT 2022) sowie den Eröffnungsfilm SONNE (R: Kurdwin Ayub, AT 2022) und bieten somit die Gelegenheit, zwei außergewöhnliche Positionen im heimischen Filmschaffen kennenzulernen oder wiederzuentdecken. Zum achtzigsten Geburtstag des vielfach preisgekrönten Regisseurs und Drehbuchautors Michael Haneke präsentiert das Format 2022 außerdem den Psychothriller Funny Games in österreichischer (AT 1997) und – praktisch baugleicher – amerikanischer (US 2007) Version.

Die Reihe In Referenz ist zwischen 6. und 10. April bei der 25. Diagonale in Graz zu sehen und führt mit der Österreichpremiere von Paul Poets prominent besetzter Schlingensief-Porträtminiatur ATTABAMBI SCHEISSMICHAN (AT/DE 2020) außerdem auch ins historische Special RAUSCH, vom Jubiläum des Thomas Pluch Drehbuchpreises übers Kino zum Dorf an der Grenze (R: Fritz Lehner, AT 1979) und mit Johann Lurf über die Leinwand ins Firmament. Anknüpfend an die Ausstellung der Golden Pixel Cooperative im Kunsthaus Graz und der Einzelausstellung der britischen Filmemacherin und Feministin Sandra Lahire im Grazer Kunstverein zeigt das Festival des österreichischen Films zudem das Filmprogramm „In Resonance: The Golden Pixel Cooperative & Sandra Lahire“, in dem Arbeiten der Diagonale’22-Trailerkünstlerinnen von The Golden Pixel Cooperative im Kino auf den Experimentalfilm Terminals (R: Sandra Lahire, UK 1986) treffen. Bereits Anfang dieser Woche durfte die Diagonale den diesjährigen – von The Golden Pixel Cooperative gestalteten – Festivaltrailer vorstellen, der ab nun als Visitenkarte den Weg zur Diagonale’22 weist.

Filmprogramm In Referenz
— Funny Games (R: Michael Haneke, AT 1997)
— Funny Games U.S. (R: Michael Haneke, US 2007)
— Toilette (R: Friederike Pezold, AT 1979)
— Canale Grande (R: Friederike Pezold, AT 1983)
— Boomerang (R: Kurdwin Ayub, AT 2018)
— Paradies! Paradies! (R: Kurdwin Ayub, AT 2016)
— ATTABAMBI SCHEISSMICHAN (R: Paul Poet, AT/DE 2021)
— Das Dorf an der Grenze: Teil 1 – Kärnten 1920–1945 (R: Fritz Lehner, AT 1979)
★ (R: Lurf, AT 2022)
— Double 8 (R: Christiana Perschon, AT 2016)
— distortion (R: Lydia Nsiah, AT 2016)
— Terminals (R: Sandra Lahire, UK 1986)
— Liquid Ground (R: Enar de Dios Rodríguez, AT/ES 2021)

Toilette, Friederike Pezold © Filmarchiv Austria

Friederike Pezold: Toilette, Canale Grande, Revolution der Augen

An der Schnittstelle von bildender, Film-, Video- und Medienkunst agiert Friederike Pezold seit den späten 1960er-Jahren gegen „den großen Scheiß, der einem tagtäglich in Hirn und Herz geschissen wird“. Ihr Œuvre gestaltet sich als ein Universum voller Sehnsucht wie Bildfantasie und strotzt vor Widerständigkeit. Die Diagonale’22 zeigt jene drei Filme, die laut Pezold für die Nachwelt bestimmt sind: Toilette (AT 1979), Canale Grande (AT 1983) sowie Revolution der Augen. Während die ersten beiden Arbeiten ihre Premiere einst in der Sektion Forum der Berlinale feierten, ist Revolution der Augen nun als Uraufführung im Wettbewerbsprogramm der Diagonale zu sehen. In der Zusammenführung treten Humor, Frechheit und die Faktoren Zeit und Dauer in den Vordergrund. Pezolds Kino ist gnadenlos unökonomisch. Vielleicht ist es auch gerade deshalb einer der bestgehüteten Schätze der österreichischen Filmgeschichte – kaum gezeigt und weder im Netz noch auf Heimdatenträger verfügbar.

Trotz weltweiter Festival- und Ausstellungseinladungen – vom MoMA New York bis zum Centre Pompidou Paris, von Berlinale bis documenta und Biennale – verweigert die radikal unabhängige Künstlerin das Repräsentationsklimbim der Kunstwelt. Ihre Suche nach alternativen Präsentationsformen ist Kern eines Ausdrucks, der schon in Canale Grande angelegt ist: Im Film setzt sie zur Demontage einer U-Bahn-Überwachungskamera an, um in den eigenen vier Wänden für ihr Radio Freies Utopia Formate des „Nahsehens“ zu produzieren, die sie in Folge mittels eines tragbaren Televisionsgerätes am eigenen Körper vor den Zuseher*innen ausstrahlt. Unabhängigkeit ist Trumpf!

Paradies! Paradies!, Kurdwin Ayub © sixpackfilm

Ebenfalls an den Filmwettbewerb lehnt sich das Programm zu Kurdwin Ayub an: Der Kurzspielfilm Boomerang und der Dokumentarfilm Paradies! Paradies! – gezeigt in Referenz zum Diagonale’22-Eröffnungsfilm SONNE – bieten die Gelegenheit, die Vielseitigkeit der Filmemacherin näher kennenzulernen. In beiden Filmen – genauso wie im kürzlich mit dem GWFF Preis Bester Erstlingsfilm der Berlinale ausgezeichneten SONNE – ist Ayubs Vater in Schlüsselrollen zu sehen.

 

Paul Poet trifft Schlingensief und Glawogger

Der berühmte deutsche Regisseur Christoph Schlingensief, 2010 gestorben und ein Jahr später mit dem Goldenen Löwen der Biennale di Venezia geehrt, steht 2003 an der Kippe vom Underground Artist zum widerborstigen Staatskünstler. Als er Elfriede Jelineks „Bambiland“ am Burgtheater Wien und am Schauspielhaus Zürich inszeniert, geht er über seine persönliche Grenze. In ATTABAMBI SCHEISSMICHAN hat Paul Poet aus Fragmenten einer damals geplatzten Kinodoku einen provokanten Tribut montiert – eine rauschhafte Porträtminiatur. Die Diagonale’22 zeigt Poets Kurzfilm mit Udo Kier, Julia Stemberger, Peter Kern und anderen mehr in Referenz zum historischen Special RAUSCH und vor Michael Glawoggers Ausnahmefilm Nacktschnecken (AT 2004).

 

30 Jahre Thomas Pluch Drehbuchpreis

Anlässlich der dreißigsten Wiederkehr des Todestags von Drehbuchautor Thomas Pluch und somit des dreißigjährigen Jubiläums des Thomas Pluch Drehbuchpreises zeigt die Diagonale’22 gemeinsam mit dem Drehbuchverband Austria den ersten Teil der ORF-Miniserie Das Dorf an der Grenze, für die Thomas Pluch als Autor verantwortlich zeichnete. Darin wird die Geschichte des fiktiven, aber äußerst typisch dargestellten Dorfes Selice vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in das Jahr 1976 zu einem Modell für nationalistische und andere Gruppendynamiken erhoben. Mit einer Einführung von Bert Rebhandl.

 

Funny Games U.S., Michael Haneke © X Verleih

Haneke, zwei Filme zum Geburtstag

Ergänzend zu den umfangreichen Geburtstagsfeierlichkeiten des Filmmuseum Wien (Retrospektive vom 4. März bis 2. Mai 2022) und dessen Kooperation mit dem Wiener Musikverein („Musikverein Perspektiven: Michael Haneke“ vom 24. bis 27. März 2022) zeigt die Diagonale in Graz zwei Werke von Haneke im einzigartigen Doppel: Im österreichischen Psychothriller Funny Games aus dem Jahr 1997 spielen Ulrich Mühe und Susanne Lothar die Hauptrollen. Der Film feierte seine Premiere bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1997, wo er Publikum und Kritik polarisierte. 2007 drehte Haneke das US-Remake mit dem Titel Funny Games U.S. mit Tim Roth und Naomi Watts. Der Inhalt beider Filme ist Einstellung für Einstellung identisch: Anna und Georg fahren mit Sohn Schorschi in ein Sommerhaus am See. Während Anna das Abendessen bereitet, fragt ein junger Mann freundlich nach ein paar Eiern. Ab diesem Zeitpunkt dringen Peter und Paul in das Wochenenddomizil der Familie ein und quälen sie auf sadistische Weise zu Tode. Haneke stellte seine Erstversion Szene für Szene nach. Er hatte sich vertraglich ausdrücklich die Kriterien „Final Cut“ und „Shot-by-Shot-Remake“ zusichern lassen. Selbst als die Produktionsfirma den aus ihrer Sicht besser zu vermarktenden Marilyn Manson anstelle von John Zorn für den Soundtrack zu lancieren suchte, berief sich Haneke auf diese Klausel. Das letzte Wort war gesprochen. Final Cut.