Diagonale
Festival des österreichischen Films
21.–26. März 2023, Graz

Film Program | Timetable | Directors


Freitag, 08.04.
21:00 Uhr, KIZ Royal 1
Sonntag, 10.04.
13:30 Uhr, KIZ Royal 2

LUZIFER

Spielfilm, AT 2021, digital, 103 min

In LUZIFER zeigt Peter Brunner bildgewaltig den alten Kampf zwischen Tradition und Moderne in seinen extremsten Auswüchsen. Eine strenggläubige Mutter (Susanne Jensen) lebt mit ihrem Kind gebliebenen erwachsenen Sohn (Franz Rogowski) auf einer isoliert gelegenen Berghütte. Als das abgründige Idyll von der touristischen Erschließung des Gebiets heimgesucht wird, nimmt das Unheil seinen Lauf. Der titelgebende Teufel erwacht und scheint sich fortan in allem zu zeigen.

Ein Film wie aus den Untiefen der Erde und des Seins geborgen. Peter Brunner zeigt basierend auf wahren Ereignissen den sich gegen den erbarmungslosen Fortschritt stemmenden Fanatismus einer Mutter und ihres an Kaspar Hauser erinnernden Sohnes. Die beiden leben in einem inzestuösen Verhältnis mit einigen Raubvögeln und katholischen Memorabilien isoliert auf einer archaischen Bergalm, als Drohnen, Hubschrauber und Baumfällarbeiten ihre Existenz aus den Angeln heben. Sie haben nur wenig Kontakt zu anderen Bergler*innen und sind dem zunehmenden Drängen auf einen Verkauf des Grundstücks wehrlos ausgeliefert. „Wo ist der Teufel?“, flüstert wiederholt die von Susanne Jensen mit leinwandsprengender Präsenz verkörperte Mutter. Ist er im fast stummen Sohn (Franz Rogowski), der seine eigene Sexualität jenseits von ihr entdeckt? Ist er in der einfallenden kapitalistischen Moderne, die die Natur vernichtet und das Leben der Familie für sich beansprucht? Ist er in der Mutter, die sich in grenzwertigen religiösen Riten und Exorzismen übt? Oder ist er im aus dem Leben geschiedenen Vater, dessen Präsenz noch immer durch jedes Bild huscht und als unausgesprochenes Trauma all den Horror katalysiert?
LUZIFER stellt die altbekannte Folk-Horror-Formel auf den Kopf. Zwar taugen die rückständigen Landbewohner*innen nach wie vor nicht zur Identifikation, ihre Pendants sind jedoch nicht länger die kultivierten Städter*innen, in denen sich die Zuseher*innen erkennen könnten. Nein, das Hinterwäldlerische ist hier auch das Unschuldige, das Abartige ist hier beseelt von einer notwendigen Überwindung innerer Schmerzen, während das sogenannte Zivilisierte rücksichtslos und lange Zeit gesichtslos wirkt. Das Böse verbirgt sich, indem es in allem zugleich blüht. Eine besondere Rolle spielen die zahlreichen Vögel im Film. Sie verschmelzen mit der Landschaft und scheinen mehr zu wissen als die Figuren. Sind sie Vorboten des Unheils oder Erinnerungen an eine Welt im Gleichgewicht?
Die unzähmbare Kamera torkelt nah an den Körpern, dringt fast in sie ein, schwebt dann doch wieder erhaben über den Bergkamm und blickt in die ewige Sonne. Die Unschärfe ist ihre Verbündete, sie will nicht nur zeigen, was passiert, sie will, dass wir es spüren. Brunner verbindet Spiritualität mit Schlamm, Symbolik mit Wirklichkeit, Zärtlichkeit mit unsagbarer Gewalt. Sein Kino beschreibt körperliche Seelenzustände. Die Seele droht der Welt abhandenzukommen. Die Körper bleiben zurück und wissen sich nicht mehr zu helfen.
(Katalogtext, ph)
 

Regie: Peter Brunner
Buch: Peter Brunner
Darsteller*innen: Franz Rogowski, Susanne Jensen
Kamera: Peter Flinckenberg
Schnitt: Peter Brunner
Originalton: Klaus Kellermann
Musik: Tim Hecker
Sounddesign: Manuel Grandpierre
Szenenbild: Michael Fissneider
Kostüm: Brigitta Fink
Weitere Credits: Tonmischung: Manuel Grandpierre Produktionsleitung: Louis Oellerer Producer Usf: Georg Aschauer Associate Producer & Creative Project Supervision: Veronika Franz
Produzent*innen: Ulrich Seidl
Produktion: Ulrich Seidl Filmproduktion