Diagonale
Festival des österreichischen Films
21.–26. März 2023, Graz

FilmprogrammRegisseur*innen | Spielplan

 


Samstag, 09.04.
18:00 Uhr, Schubertkino 1

Rotzbub

Animation, AT/DE 2021, digital, 85 min, OmeU

Siegheilkirchen 1967: Zwischen elterlichem Wirtshaus, rechtskonservativen Dorfbewohner*innen und seiner ersten Liebe versucht der künstlerisch talentierte „Rotzbub“ herauszufinden, was er vom Leben will. In Österreichs erstem langem 3D-Animationsfilm, der inhaltlich und stilistisch an Leben und Werk des Starkarikaturisten Manfred Deix angelehnt ist, finden sich der Deix’sche Figurenkosmos und Humor wieder. Eine lustvolle Feier seines kritischen Blicks auf die österreichische Gesellschaft.

Wenn Baby Deix zum Dreivierteltakt eines Walzers bereits im Mutterleib mit seinen Fingern an der Bauchinnenseite mit Farben und Licht spielt, dann ist ihm noch nicht bewusst, dass er die Gabe hat, dorthin zu sehen, wo es wehtut, und dass er dieses später einmal mit viel Humor aufs Papier bringen wird. Erst einmal leitet er so seine eigene Geburt ein, der „Rotzbub!“. Während er gerade noch kräftig an der Mutterbrust saugt, lutscht er bald schon am Bleistift, zeichnet nackte Körperlandschaften oder Karikaturen des Religionslehrers in die Bibel.
Willkommen in Siegheilkirchen im Jahr 1967: Der Krieg ist längst vorbei, die Kriegsversehrten, etwa Rotzbubs Vater (Stimme: Gregor Seberg), sind irgendwie in die Gesellschaft integriert – wie es auch der Nationalsozialismus weiterhin bleibt. Und so dauert es nicht lang, bis der erste rechte Arm von Friseur Kurz (Stimme: Thomas Stipsits) gehoben und den Fremden, so hübsch sie auch sein mögen, das Glaserl Wein im bescheidenen Wirtshaus von Rotzbubs Eltern verwehrt wird.
Die Geschichte vom Rotzbub ist dreierlei. Eine Coming-of-Age-Story, mit all den sexuellen Irrungen und Wirrungen zwischen Zaunlochgucken, dem Fall ins tiefe Dekolleté der Nachbarin (Stimme: Katharina Straßer) und der ersten Liebe (Stimme: Gerti Drassl); dem ersten Bier bei Poldi (Stimme: Roland Düringer) mit Rock aus der Jukebox und den Fäkalwitzen, die die Jugend und der Deix’sche Humor so bereithalten. Außerdem natürlich die große, vor allem von der Mutter (Stimme: Susi Stach) herangetragene Frage, die sich der Rotzbub stellen muss: „Was ich werden will, wenn ich groß bin?“ Zugleich ist der Film auch eine Lausbubgeschichte im besten Sinne, die sich an die Biografie des Cartoonisten Manfred Deix anlehnt und um dessen Kindheit und Jugend in der erzkatholischen und konservativen Provinz kreist. Deix selbst konnte vor seinem Tod noch an den 2013 beginnenden Arbeiten zum Film mitwirken. So können die Fans des Karikaturisten in Rotzbub zeichnerisch und inhaltlich nicht nur den Deix’schen Figurenkosmos und Humor wiederfinden, sondern auch den kritischen Blick auf politisch „Hängengebliebene“ und die österreichische Gesellschaft.
Rotzbub ist nicht zuletzt deshalb besonders, weil er der erste österreichische Animationslangfilm in 3D-Computeranimation ist. Mit seiner Weltpremiere im Wettbewerb des Festival d’Animation Annecy konnten Deix’ Ruf und Ausnahmekarriere als Österreichs bekanntester Karikaturist und satirischer Exportschlager einmal mehr posthum gefestigt werden. So bedient der Film nicht nur all das nach Deix’ Ableben so schmerzlich Vermisste, sondern macht auch neugierig auf das, was die in Österreich sich seit einigen Jahren entwickelnde Animationsszene in Zukunft hervorbringen wird. „Was ich werden will, wenn ich groß bin?“ Für den animierten Langfilm aus Österreich hat sich diese Frage jedenfalls schon mal beantwortet: So kann es getrost weitergehen.
(Katalogtext, mlf)
 

Regie: Marcus H. Rosenmüller, Santiago López Jover
Buch: Martin Ambrosch
Schnitt: Philipp Bittner
Musik: Gerd Baumann
Weitere Credits: Art Director: Manfred Deix (†) Sprecher*innen: Gerti Drassl, Roland Düringer, Gregor Seberg, Thomas Stipsits, Susi Stach, Katharina Straßer u. a.
Produzent*innen: Josef Aichholzer, Ernst Geyer
Produktion: Aichholzer Filmproduktion GmbH
Koproduktion: Filmbüro Münchner Freiheit (DE) ARRI Media (DE)