Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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About Twelve
Spielfilm, AR/AT 2014, Farbe, 75 min., OmeU
Diagonale 2015

Regie, Buch: Martín Shanly
Darsteller/innen: Rosario Shanly, María Passo, María Ines Sancerni, Javier Burin Heras, Amy Schulte
Kamera: Roman Kasseroller
Schnitt: Javier Favot, Ana Godoy
Originalton: Nahuel Palenque
Musik: Juan Sorrentino
Szenenbild: Victoria Marotta, Mara Tacon
Produzent/innen: Lukas Valenta Rinner, Martín Shanly
Produktion: Nabis Filmgroup

 

Die zwölfjährige Juana wirkt eigenwillig verloren. Unsicher und unangepasst sucht sie nach ihrem Platz in einer Welt, die keine Abweichungen zu dulden scheint. Während sie mit ihren Klassenkamerad/innen nur wenige Interessen teilt, reagieren viele Erwachsene angesichts ausbleibender Schulerfolge mit Unverständnis. Mehr und mehr kumuliert Juanas Eifersucht auf all jene, denen es leichter fällt, sich da draußen einzufügen. Eine betörend fotografierte Momentaufnahme im transitorischen Zustand von Coming-of-Age.
www.nabisfilm.com

Katalogtext Diagonale 2015:
Ganz außen in der letzten Reihe sitzt Juana und blickt aus dem Fenster. Nicht selten verliert sich der Blick der zwölfjährigen Schülerin in einer mutmaßlich anderen Realität. Oft wirkt sie gleichgültig – abwesend auf die eine oder andere Art.

Es ist Examenszeit in der zweisprachigen Schule am Stadtrand von Buenos Aires. Der Ausgang der Prüfungen wird über Juanas Zukunft in der Institution entscheiden, doch weder der akademische noch der soziale Erfolg wollen sich einstellen. Im Gegenteil. In einem Umfeld, das keinen Platz für Abweichungen oder Unterschiede vorsieht, potenzieren sich jene Unsicherheiten, die das Zwischenstadium von Kindheit und Jugend seit jeher begleiten.

Was genau im Gefühlsleben Juanas vorgeht, lässt Regisseur Martín Shanly weitgehend ungeklärt, Therapiesitzungen und medizinische Untersuchungen bleiben ohne Ergebnis. Immer wieder formulieren sich dafür subtile Andeutungen im Alltäglichen; wenn etwa die Mutter Keramikgeschirr bemalt und die Tochter die unerträgliche Perfektion der Ausführung beanstandet; wenn sie sich in einem voll geräumten Zimmer ausgerechnet für ein Gemälde von Frida Kahlo begeistert, das symbolhaft von Schmerz und Missverstehen kündet. Mit unglaublicher Empathie und Nähe dringt die Kamera in Juanas Umfeld vor und findet Bilder für deren noch kindliche, noch nicht konkret pubertäre Sicht auf die Welt: Eingangs ist sie mittendrin, als ein Stapel Spielkarten nach fehlenden Exemplaren durchsucht wird („Hab ich, hab ich nicht …“), im Schulhof verliert sie sich bei einem Fangspiel in dynamischer Bewegung. Es sind Momente singulärer Gelöstheit, eingefasst in eine strenge Kadrierung, die sich erst gegen Ende des Films in einer verstörend surrealen Traumsequenz ins Vollbild öffnet und somit auch formal den Gefühlsverdacht steter Bedrängnis erhärtet. Mehr und mehr kumuliert Juanas Eifersucht auf all jene, denen es leichter fällt, sich in diese Welt da draußen einzufügen. Insbesondere weil sogar die beste Freundin allmählich andere Interessen hegt, während sie selbst sich noch immer am Schneiden von Grimassen erfreut.

About Twelve ist eine betörend fotografierte Momentaufnahme im transitorischen Zustand von Coming-of-Age. Ein stiller Aufschrei inmitten einer von Erwachsenen definierten Umwelt, artikuliert von einer beeindruckenden jungen Hauptdarstellerin. (sh)