Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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AMOUR FOU
Spielfilm, AT/LU/DE 2014, Farbe, 96 min.
Diagonale 2015

Regie, Buch: Jessica Hausner
Darsteller/innen: Birte Schnöink, Christian Friedel, Stephan Grossmann, Sandra Hüller, Holger Handtke, Marie-Paule von Roesgen u.a.
Kamera: Martin Gschlacht
Schnitt: Karina Ressler
Originalton: Uwe Haußig
Sounddesign: Nicolas Tran Trong
Szenenbild: Katharina Wöppermann
Kostüm: Tanja Hausner
Produzent/innen: Martin Gschlacht, Antonin Svoboda, Bruno Wagner, Bady Minck, Alexander Dumreicher-Ivanceanu, Philippe Bober
Produktion: coop99 Filmproduktion
Koproduktion: AMOUR FOU Luxembourg, Essential Filmproduktion, in Zusammenarbeit mit WDR/ARTE

 

Berlin, zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Die bürgerliche Gesellschaft vertreibt sich die Zeit mit Kammermusik und Gemeinschaftsabenden. Der Marionettenhaftigkeit dieses Daseins überdrüssig sehnt sich der Dichter Heinrich nach dem Freitod und sucht nach einer Gefährtin für diesen letzten Schritt. Henriette, die junge Ehefrau eines Bekannten, erwägt nach einer schwerwiegenden Diagnose, den Avancen Heinrichs zu folgen. „Eine romantische Komödie“, inspiriert durch den Suizid Heinrich von Kleists.
www.amourfou-film.com, wwww.stadtkinowien.at

Katalogtext Diagonale 2015:
Am Anfang strahlt ein Strauß gelber Blumen: saftig, frisch und doch bereits vom Verwelken kündend. Ohne die Notwendigkeit der konkreten Formulierung vereint bereits dieses erste Bild jene beiden Pole, die sich in AMOUR FOU zunehmend als die zwei Seiten derselben Medaille erweisen: Leben und Tod. Im Berlin der Romantik vertreibt sich eine bürgerliche Gesellschaft die Zeit mit Kammermusik, Gemeinschaftsabenden, Stickkunst. Während sich von außen erste demokratische Tendenzen in den Feudalstaat einschleichen, verharren die Protagonist/innen im Status quo. Konsequent streng fügen sich Studiokulisse, Spiel und Tonfall deren standesgemäßer Etikette. Hie und da wedelt ein Vierbeiner durch die sorgsam komponierten Bilder – wie ein Einbruch des Zufalls in den festgefahrenen Zustand steter Wiederkehr.

Es sind derartige subtile dramaturgische und inszenatorische Nuancen, mit denen Jessica Hausner Reibungen im wohlsortierten Haushalt andeutet. Als eine Art agent provocateur positioniert sie dazu den melancholischen Dichter Heinrich von Kleist im Kreis der Salongesellschaft. Krank vor Überdruss, Einsamkeit und der Marionettenhaftigkeit des Daseins macht er keinen Hehl aus seiner Sehnsucht nach Freiheit und deren ultimativem Ausdruck, dem Freitod. Seinem romantischen Weltbild geschuldet soll das Leben als Liebesbeweis in Zweisamkeit enden, beispielsweise an der Seite der – zunächst schüchternen und angepassten – Henriette Vogel. Durch eine hoffnungslose ärztliche Diagnose momenthaft den Zwängen ihrer gesellschaftlichen Stellung enthoben, erwägt diese tatsächlich, den Avancen des Dichters zu folgen. AMOUR FOU begleitet Henriettes zaghaften Ausbruch aus dem protokollarisch definierten Alltag und erlaubt im Zuge der unkonventionellen (Selbst-)Ermächtigung der jungen Frau gleich mehrfache, durchaus humorvolle Reflexionen zu Imagination und Wirklichkeit: in Krankheit, Leben, Liebe und letztlich auch im Kino. Was, wenn eine Einbildung – eine Illusion – so wirklich wird wie die Wirklichkeit selbst? (sh)

Jessica Hausners Heldinnen agieren nicht rebellisch. Sie lehnen sich im eigentlichen Sinne nicht auf. Die Umstände prallen einfach (und das sehr heftig) an ihnen ab. Oft wirken sie wie „nicht ganz von dieser Welt“, als geradezu unverschämt indifferente Fremdkörper, an denen die Umwelt, vorher gut eingespielt und undurchsichtig, erst gestört und somit in ihrer ganzen Willkür und Instabilität kenntlich wird. (Claus Philipp)