Diagonale
Festival des österreichischen Films
16.–21. März 2021, Graz

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Lampedusa im Winter
Dokumentarfilm, AT/IT/CH 2015, Farbe, 93 min., OmdU
Diagonale 2016

Regie, Buch: Jakob Brossmann
Kamera: Serafin Spitzer, Christian Flatzek
Schnitt: Nela Märki
Originalton: Axel Traun, Jakob Brossmann
Musik: Samuel Irl
Sounddesign: Wolf-Maximilian Liebich
Produzent/innen: Jakob Brossmann, Valerio B. Moser, Nela Märki
Produktion: Finali Film & Wortschatz Produktion
Koproduktion: Miramontefilm (IT) Nela Märki (CH)

 

Die Tourismussaison ist vorbei, dennoch kehrt auf der Insel Lampedusa keine Ruhe ein: Bergungen von Flüchtlingen vor der Küste, Proteste von internierten Refugees, Bürger/ innen, die sich für die Geflüchteten engagieren. Der Film beleuchtet die Ankunft der Flüchtlingsbewegungen aus Sicht der Lampedusani: Diese offenbart nicht etwa medial geschürte Ängste, sondern ungeahnte Solidarität mit jenen, die von der internationalen Politik ebenso allein gelassen werden wie die Inselbewohner/ innen selbst.

Lampedusa im Winter. Die Saison ist vorbei, die Tourist/innen haben die Insel verlassen. Dennoch kehrt hier keine Ruhe ein: Die Küstenwache ist weiterhin mit der Rettung von in Seenot geratenen Flüchtlingen beschäftigt. Registrierte Migrant/ innen protestieren gegen die monatelange Internierung. Eine Bewohnerin engagiert sich für deren Kampf um einen Transfer aufs Festland – und für die letzte Würde jener, die die beschwerliche Flucht nicht überlebt haben. Ein anderer archiviert die in den Bootswracks zurückgelassenen Habseligkeiten der Schiffbrüchigen. Währenddessen instrumentalisieren manche Journalist/innen die Inselbewohner/ innen für Katastrophenberichte über „Flüchtlingstragödien“ und „Einwandererinvasionen“.
Anders als der Großteil der Medienberichterstattung und der „Flüchtlingsfilme“ dokumentiert Lampedusa im Winter keine „Flüchtlingskrise“, sondern widmet sich jenen Menschen, für die die Notlage der Geflüchteten wie auch deren Rettung zu einem Teil ihres eigenen Lebens geworden sind: den Einheimischen von Lampedusa samt ihren Herausforderungen – mit und jenseits der Migrationsthematik. Der Film porträtiert die Jugendfußballmannschaft und den lokalen Radiosender oder wohnt einem durch die Fischer angezettelten Streik bei, der – ausgelöst durch ein Fährunglück – die Versorgungswege abschneidet und die Insel in einen Ausnahmezustand versetzt. Bürger/innenversammlungen, Verhandlungen mit Werften und Politik, der beherzte Kampf einer couragierten Bürgermeisterin um das Wohl von Bewohner/innen und Geflüchteten – everyday life auf Lampedusa.
Die Kamera beobachtet mit Sensibilität und Zurückhaltung. Dem empathischen, unaufdringlichen Blick wird mit spürbarem Vertrauen begegnet: Die Bewohner/innen gewähren intime Einsichten in ihren Alltag, geben sich dem Filmteam in allen Situationen mit ungespielter Offenheit preis, integrieren es regelrecht in ihre gemeinschaftlichen Angelegenheiten. Es ist auch eine Kollaboration, die eine neue Sicht auf die Dinge offenbart – nämlich die Perspektive der Lampedusani, die nicht etwa medial geschürte Ängste, sondern ungeahnte Solidarität mit jenen erkennen lässt, die von der internationalen Politik ebenso allein gelassen werden wie die Inselbewohner/ innen selbst.
(Katalogtext, mk)

finali.at, filmladen.at

Eine Erzählung und ein historischer Moment. Lampedusa im Winter ist der Glücksfall einer Doku: Sie öffnet die Augen, berührt das Herz und gibt zu denken.
(Robert Menasse)