Diagonale
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Festival des österreichischen Films
4.–9. April 2024, Graz

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Falscher Bekenner
Spielfilm, DE/DK 2005, Farbe, 94 min., OmeU
Diagonale 2024

Regie, Buch: Christoph Hochhäusler
Darsteller:innen: Constantin von Jascheroff, Manfred Zapatka, Victoria Trauttmansdorff, Nora von Waldstätten, Devid Striesow
Kamera: Bernhard Keller
Schnitt: Stefan Stabenow
Originalton: Wolfgang Vogl
Musik: Benedikt Schiefer
Szenenbild: Beatrice Schulz
Kostüm: Susanne Sasserath
Produzent:innen: Bettina Brokemper
Produktion: Filmstiftung Nordrhein-Westfalen
Koproduktion: Heimatfilm (DE), Zentropa Entertainments (DK), Pictorion Pictures (DE)

 

Nach seinem Schulabschluss hangelt sich Armin lustlos durch Bewerbungsgespräche und sucht Zuflucht in Fantasien. Erst als er anonyme Bekennerbriefe zu schreiben beginnt, glaubt er sich gesehen. An der Grenze von Milieugenauigkeit, Verstörung und absurder Komik zeichnet Christoph Hochhäusler das kühle Porträt eines jungen Mannes in einer Welt der Leerformeln und der Anonymität. Constantin von Jascheroff gibt eines der erstaunlichsten Schauspieldebüts im deutschen Kino der letzten 20 Jahre.

174 cm, 56 kg, graublaue Augen, blondes Haar: Mehr hat Armin (Constantin von Jascheroff) beim Bewerbungsgespräch nicht über sich selbst zu sagen. Indem er sich an die Fakten einer polizeilichen Täterbeschreibung klammert, verfehlt er das Thema und bleibt in gewisser Weise doch wahrhaftig. Denn Armin schreibt anonyme Bekennerbriefe, in denen er mutmaßliche Unfälle zu vorsätzlichen Taten erklärt – unter seiner „Autorschaft“.

Falscher Bekenner ist das kühle Porträt eines jungen Mannes, der nach seinem Schulabschluss wie betäubt an der Schwelle zur Erwachsenenwelt steht. „Der Junge muss mal aufwachen“, heißt es dann, und dass er seine Mittel noch nicht gefunden habe. Tatsächlich aber hinterfragt Christoph Hochhäusler das Versprechen auf „Erwachen“ und Identitätsfindung, auf das sich ein ganzes Genre gründet. Für die Verweigerungsgeste fehlt Armin die Reibung, für den Drifter ist er zu anhänglich und träge. Kann ein Coming-of-Age in einer Welt des unpersönlichen Ausdrucks und der Leerformeln überhaupt wünschenswert sein?

Zeichen der Anonymität ziehen sich als allgegenwärtige Spuren durch die Erzählung. Symptomatisch dafür sind nicht nur die standardisierten Fragen der Jobanbieter und ein etwas unheimliches Bewerbungscoaching, bei dem unter weißen Neutralmasken Egomarketing geprobt wird, sondern auch bürgerliche Rituale wie Familienspaziergänge und Sonntagsessen.

Bezeichnenderweise ist auch das vermeintliche „Außen“ frei von Individualität. Nächtliche Verkehrslandschaften und eine Autobahntoilette, an deren gekachelten Wänden Armin sein „Ich war da“ hinterlässt, werden zu Fantasie- und Fluchtorten: abtauchen im Zwielicht, schwuler Sex mit einer Motorradgang, die unter Helmen gesichtslos bleibt, Leder statt Haut, latente Gewalt. Wie schon in seinem Debüt Milchwald versteht es Hochhäusler in seinem zweiten Langspielfilm, Räume und insbesondere Nichtorte mit formaler Präzision und atmosphärischer Sensibilität zu inszenieren: Milieugenauigkeit, Verstörung und absurde Komik stehen dabei an prekären Kipppunkten. Am Ende der Abgrund eines Lächelns. (Esther Buss)

Die restaurierte Fassung des Filmes ist als DCP zu sehen.

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