Diagonale
Festival des österreichischen Films
21.–26. März 2023, Graz

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(Ohne Titel)
Spielfilm, AT 2015, Farbe, 66 min., OmeU
Diagonale 2015

Regie, Buch: Ludwig Wüst
Darsteller*innen: Gina Mattiello, Gerhard S.
Kamera: Klemens Koscher
Schnitt: Thomas Hajnik, Ludwig Wüst
Originalton: Neck Richardson, Lucas Ehold
Sounddesign: Tjandra Warsosumarto
Produzent*innen: Ludwig Wüst, Matthias Reiter-Pazmandy

 

Eine Frau (Ende dreißig) verlässt ihr Zuhause und fährt in ein Hotel, um nach zwanzig Jahren ihren Vergewaltiger zu treffen … Kino als radikale Grenzerfahrung. Kompromisslos in Inhalt und Form. (Produktionsmitteilung)
www.ohnetitel-film.net, www.heimat-film.net

Katalogtext Diagonale 2015:
Eine Frau (Ende dreißig) verlässt ihr Zuhause und fährt in ein Hotel, um nach zwanzig Jahren ihren Vergewaltiger zu treffen … (Produktionsnotiz)

Eine schier unerträgliche Lautnotiz vor Schwarzbild: Auf dem Band eines Anrufbeantworters vermittelt sich Schmerz in qualvoller Klarheit, etwas, das sich nicht in definierte Worte fassen lässt. Möglicherweise ließe sich die Unmöglichkeit der Artikulation als Antrieb dieses namenlosen Films festmachen; dieses direkt in der Kamera geschnittenen film trouvé, der in seiner formalen Rohheit eine regelrecht gnadenlose Unmittelbarkeit suggeriert und dabei doch nichts sagen kann. Weil die Sprache – und mit ihr Kino und Kunst – angesichts tiefer Traumata versagen muss. Wie die Protagonistin ihr Zuhause, ihre Umwelt und in weiterer Konsequenz ihre Konfrontation mit dem Äußersten auf Video bannt, zeugt von einer tief sitzenden Verlorenheit, von einem Unbehagen an jedem Ort. Unschärfen durchziehen das Bild, mehrfach verweilt die Kamera beiläufig oder wird beiseitegelegt. Sie ist dokumentarisches Behelfsgerät. Nichts sonst. In einem Hotelzimmer verharrt sie am Schreibtischrand, während ein handschriftlich verfasster Text vielleicht ein letztes Mal überflogen wird. Minutenlang gestikulieren die Hände der Autorin zu ihrem poetischen wie vergeblichen Versuch über das Unaussprechliche, dem Reflexionsprotokoll einer Entfremdung. Es ist dies eine Übung in Dauer, wie sie nur das Kino zu formulieren imstande ist. Wenn man könnte, wollte man sich als Zuseher/in der Intimität zweifelsohne entziehen – wegsehen, weghören –, doch man kann nicht. So wie auch die Drastik der bevorstehenden Tat für die namenlose Protagonistin unumgänglich ist. Möglicherweise aber die letzte verbliebene Möglichkeit, den erfahrenen Schmerz doch noch zu artikulieren. Kino als radikale Grenzerfahrung. Kompromisslos in Inhalt und Form. (sh)

Der erste Moment eines Schmerzes steht als seismografische Notiz am Anfang des titellosen Films, da auch Schmerz an sich keinen Namen hat. Danach werden retrospektiv die schöpferischen Möglichkeiten von Schrift, Bild und Musik vorgestellt, Notizen eines gescheiterten Versuchs, diesen Schmerz auszudrücken … Als konsequente Folge wird die Protagonistin, namenlos wie der Film, vom Opfer zur Täterin, um sich dem Trauma direkt am Ort der Tat zu stellen. Der Film beschreibt auch, warum Kunst als schöpferisches Mittel der Bewältigung von Schmerz seit jeher existiert und schließlich doch nicht ausreicht, um der Einsamkeit unserer Vorgeschichte Herr oder Frau zu werden. (Ludwig Wüst)