Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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Das Schreiben und das Schweigen
Dokumentarfilm, AT/IT/DE 2009, Farbe+SW, 90 min., dOF
Diagonale 2019

Regie: Carmen Tartarotti
Buch: Carmen Tartarotti, Georg Janett
Darsteller/innen: Friederike Mayröcker, Edith Schreiber, Peter Huemer, Bernhard Fetz, Hannes Schweiger, Julia Danielczyk, Aslan Gültekin, Isabel Centoglu
Kamera: Pio Corradi
Schnitt: Ferdinand Ludwig, Camen Tartarotti
Originalton: Carmen Tartarotti, Peter Utvary, Bruno Pisek, Martin Leitner
Produktion: Carmen Tartarotti Filmproduktion

 

Die Musikerin Anja Plaschg (Soap- &Skin) zeigt Carmen Tartarottis Das Schreiben und das Schweigen und fügt dem heurigen historischen Special eine poetische Note hinzu. Der essayistische Dokumentarfilm über die große Wiener Autorin und Dichterin Friedericke Mayröcker ist ein Kleinod im Programm und hinterfragt die voreilig formulierte Annahme, wonach sich Pamphlete, Parolen und Politkunst besser eignen, um über Weiblichkeitsbilder nachzudenken, als Träumerei, Poesie und Liebe.

„Ich will unbedingt Das Schreiben und das Schweigen vorschlagen. Ich hatte ganz vergessen, es ist die schönste Dokumentation über die geliebte Friederike Mayröcker“, antwortete die Musikerin Anja Plaschg (Soap&Skin) knapp, jedoch voller Inbrunst auf die Frage, welchen österreichischen Film sie zum heurigen historischen Special beisteuern wolle. Kein Zufall, lassen sich doch zahlreiche Hinweise darauf sammeln, dass es zwischen den künstlerischen Werken von Mayröcker und Plaschg durchwegs Wahlverwandtschaften gibt. Hier wie da hat das eine mit dem anderen und alles mit allem zu tun; „unterirdische Maulwurfsgänge“ nennt der Filmemacher und Autor Alexander Kluge diese insgeheimen Verbindungslinien, entlang derer ein Gedanke zum nächsten führt. In Kluges Ausstellung „Pluriversum. Die poetische Kraft der Theorie“ trafen die beiden Künstlerinnen vergangenen Herbst auch aufeinander. Kluge hatte beide eingeladen, an seiner Ausstellung mitzuwirken. Seine Methode: die Montage. In diesem Fall von künstlerischen OEuvres, die dabei in einen Dialog treten. Ein Dialog, der bei Friederike Mayröcker und Anja Plaschg stets ein Plädoyer für die Poesie ist. „Mayröcker schreibt zu gut. Sprache ist ihr kein Mittel identitärer Selbstdarstellung, Literatur kein Vehikel zum Transport engagierter Postwurfsendungen. Ihre Texte, auch wenn sie böse sind, schreien den Leser nie an, ihr Witz ist von einer staubgewebhaften Feinheit“, schrieb der Autor Magnus Klaue anlässlich des Erscheinens von Mayröckers Erzählband „Pathos und Schwalbe“ rund zehn Jahre nachdem Carmen Tartarottis Film veröffentlicht wurde. Zurück auf die Leinwand: Das Schreiben und das Schweigen entstand 2008 in enger Zusammenarbeit mit der großen Wiener Autorin und Dichterin. „Ich hab gedacht, es soll ein Film über das Schweigen werden. Das Schreiben und das Schweigen. Aber wie macht man das dann? Vielleicht ist es bei anderen Autoren so, dass sie beim Sprechen andere Sachen hervorholen aus ihrem Hirn, während ich nichts hervorholen kann. Ich mag nicht sprechen! Und auf dieser Grundlage werden wir unseren Film aufbauen. Das machen wir!“, sagte Friederike Mayröcker damals über den Film. Tartarotti hatte bereits 1989 einen Film über die Autorin gemacht; nach dem Tod von Mayröckers Lebensmenschen Ernst Jandl im Jahr 2000 beschlossen die beiden Künstlerinnen, einen weiteren Film zu gestalten. Das Schreiben und das Schweigen ist kein biografischer Film, vielmehr der Versuch einer filmischen Annäherung an die unverkennbare und einzigartige Poesie und Sprache Friederike Mayröckers. Innerhalb des historischen Specials mag der Film vordergründig wie ein Fremdkörper wirken, das Gegenteil ist der Fall. Er ist ein Kleinod und ein flammendes Plädoyer für die Poesie, nicht zuletzt hinterfragt er die voreilig formulierte Annahme, wonach sich Pamphlete, Parolen und Politkunst besser eignen, um über Weiblichkeitsentwürfe nachzudenken, als Träumerei, Poesie und Liebe. Man kann von einem unendlichen Glücksfall sprechen, dass Das Schreiben und das Schweigen gerade jetzt erneut auf der Diagonale zu sehen ist und gerade jetzt einen Beitrag zu diesem historischen Special formuliert.
(Peter Schernhuber)