Diagonale
Festival des österreichischen Films
16.–21. März 2021, Graz

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Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein
Spielfilm, AT 2019, Farbe, 140 min., OmeU
Diagonale 2020

Regie: Rupert Henning
Buch: Uli Brée, Rupert Henning
Darsteller/innen: Valentin Hagg, Karl Markovics, Sabine Timoteo, André Wilms, Robert Seethaler, Udo Samel, Marianne Nentwich, Harald Schrott
u. a.
Kamera: Josef Mittendorfer
Schnitt: Alarich Lenz
Originalton: Moritz Fritsch
Musik: Kyrre Kvam
Sounddesign: Ingo Pusswald
Szenenbild: Katharina Wöppermann
Kostüm: Christine Ludwig
Produzent/innen: Danny Krausz, Kurt Stocker
Produktion: Dor Film

 

Diagonale’20 – Die Unvollendete. Die Diagonale’20 wurde aufgrund der behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 abgesagt.

Der Vater ein Despot, das katholische Jesuiteninternat ein Gefängnis: Da Paul Silbersteins Kindheit in den späten 1950er-Jahren einsam und trostlos ist, flüchtet sich der Spross einer exzentrischen und wohlhabenden Wiener Zuckerbäckerdynastie in seine Fantasiewelt. Und die ist anarchisch, bunt und bizarr. Ebenso wie Rupert Hennings Film, der das düstere Familiendrama, das sich zur bitteren Satire mit komödiantischen Tönen entwickelt, aus der Sicht seines jungen Protagonisten erzählt.

Die Liste seiner Ängste ist lang: Der zwölfjährige Paul Silberstein (Valentin Hagg) hat Angst davor, zu ersticken und dass ihn seine Beine nicht mehr tragen. Er hat Angst davor, dass sein körperliches und geistiges Wachstum plötzlich aufhört und ihn alle sein Leben lang als Kind betrachten. Außerdem hat Paul Angst vor dem Erfrieren – bei der eisigen und lieblosen Stimmung, die in seinem Elternhaus herrscht, eine nur allzu berechtigte Sorge. „Meine Wirklichkeit bedarf keiner eingebildeten Ängste, um schrecklich genug zu sein“, stellt Paul Silberstein zu Beginn von Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein, basierend auf André Hellers biografisch gefärbter Erzählung aus dem Jahr 2008, fest. Paul ist der Spross einer durch und durch exzentrischen und wohlhabenden Wiener Zuckerbäckerdynastie. Sein Vater (Karl Markovics) ist ein tyrannischer Despot, der mit seinem autoritären, sadistischen Verhalten nicht nur seine beiden Söhne und seine Frau (Sabine Timoteo) quält, sondern auch ein Fleichhauerpaar mit düsterer Nazivergangenheit. Auch im katholischen Jesuiteninternat, in das Paul gezwungenermaßen geht, ist Freiheit ein Fremdwort: Gottesfürchtigkeit, Zucht und Demut stehen hier an erster Stelle. Um Worte ist der Junge, der in Wahrheit ein schweres Erbe trägt, dennoch nicht verlegen.
Da seine Kindheit im Österreich der späten 1950er-Jahre eher einsam und trostlos aussieht, flüchtet sich Paul in seine Fantasiewelt. Und die ist anarchisch, bunt und bizarr. Ebenso Rupert Hennings Film, der aus der Sicht seines jungen Protagonisten Paul erzählt. Bezaubert von der Sprachgewalt und dem Charme des spröden, aber tapferen Zwölfjährigen folgt man seinen erstaunlichen Einfällen, gewitzten Schlagabtauschen mit Ordensschwestern oder Polizisten, staunt mit ihm über die Hinterlassenschaften seines Vaters und bangt mit ihm um seine große Liebe. Hennings Film beginnt als düsteres Familiendrama und entwickelt sich weiter zur bitteren Satire. Liebenswürdig bizarr und seltsam ernst. Immer wieder werden auch komödiantische Töne angeschlagen, wenn beispielsweise Paul aus Freude über den Tod seines Vaters dessen Parfüm über die Hunde im Park vergießt oder Pauls drei skurrile Onkel dem Jungen ihre verrückt-liebevollen Lebensweisheiten mit auf den Weg geben. In einem wahnsinnigen Finale entdeckt der Spross schließlich seine außergewöhnliche Begabung, sich seine eigene, seltsam funkelnde Wirklichkeit zu gestalten. Sein Lebensmotto „Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst“ ist auf dem besten Wege, sich zu erfüllen.
(Katalogtext, ast)