Diagonale
Festival des österreichischen Films
19.–24. März 2019, Graz

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Freitag, 16.03.
14:00 Uhr, Schubertkino 1

Ein Haus auf dem Land kann ein „Home away from Home“ sein, das Ruhe, Abgeschiedenheit, Komfort bietet. So inszeniert die Filmamateurin Margret Veit das Sommerhaus der Familie am Attersee. Ebensolche Häuser werden in Angela Summereders überzeichnet-verfremdeten Sittenbild Zechmeister nach Hinweisen auf einen Mord durchsucht und sind in Knittelfeld – Stadt ohne Geschichte Tatorte. Was hier passiert und besprochen wird, landet früher oder später am Stammtisch, wo die Stimmung kippt und das Kollektiv ein Urteil über das Individuum spricht. Oder mit Bert Rebhandl: „Die tatsächlichen Tatbestände und die öffentliche Meinung darüber beginnen sich zu überlagern, faktische Wahrheit und deren Gehalt fallen auseinander.“ So schreibt der letzte Film im Programm nicht die Geschichte der Stadt Knittelfeld, sondern die Geschichte einer Stadt wie Knittelfeld.

Im Sommer 1966 filmt die passionierte Filmamateurin Margret Veit das Ferienhaus am Attersee. Für die Familie aus der Stadt erfüllt sich hier ein Ideal, die Bilder streicheln förmlich Architektur und Einrichtungsgegenstände, artikulieren das Glück, die Ruhe, die Harmonie, die ein Sommerhaus auf dem Land verspricht.
Ebensolche Häuser – mit schweren Holzmöbeln, handgemachten Deckchen, Landschaftsgemälden – werden in Angela Summereders Zechmeister von den zwei Kommissaren auf den Kopf gestellt, die den unnatürlichen Tod des Anton Zechmeister im Innviertel im Jahre 1948 aufklären wollen. Schnell ist man sich einig, die Frau müsse es gewesen sein, mit Gift habe sie ihn getötet. Summereder lässt 1981 sowohl die lebenslänglich Verurteilte zu Wort kommen, setzt diverse Beweise, Schriftstücke, Gesprächsprotokolle ins Bild und rekonstruiert den Fall, genauer den Versuch einer Urteilsfindung, durch ein ausschließlich von Männern besetztes Schwurgericht als überzeichnet-verfremdete Inszenierung. Wie auch die ermittelnde Polizei stützt sich die Beweisführung hauptsächlich auf die Gerüchte und die vagen Beschuldigungen der Dorfgemeinschaft, die der Film als verschworene Stammtischgemeinde, als brabbelndes Rudel inszeniert. Provinz, das ist in Zechmeister etwas Unheimliches und Raues, wo es unter der glatten Oberfläche brodelt und sich das Dorf gegen das „verhaltensauffällige“ Individuum verschwört. Das Aufrollen des Falls macht zum einen die Engmaschigkeit der dörflichen Gemeinschaft sichtbar, verlängert den Fall aber auch in die Vergangenheit hinein, erzählt vom Verbleiben der Kriegserfahrung in Mensch und Landschaft. Immer wieder zeigt uns Summereder Landstriche der Umgebung, die bis auf die strukturgebenden Raster der Landwirtschaft unberührt und friedlich daliegen. Auf der Tonspur hebt dann ein geisterhafter Ton an, der vielleicht nicht zufällig an Kubricks The Shining erinnert und die Betrachter/innen dann doch auffällig geisterhafte Spuren auf den das Dorf umgebenden Äckern sehen lässt.
Solchen Spuren geht auch Gerhard Benedikt Friedl in Knittelfeld – Stadt ohne Geschichte nach, hinterlassen von der Familie Pritz, deren Genealogie der Film im Ton nacherzählt: von Spielschulden, die zum Mord führen, von Schießübungen, die eine Fahrradfahrerin treffen, von einem Vater, der das schreiende Kind zu Tode prügelt, von gestohlenem Werkzeug und einer Überdosis Heroin. Diesen Katalog desaströser Ereignisse unterlegt Friedl mit ruhigen Totalen und langen Panoramaschwenks der Kleinstadt, die nichts davon sichtbar wiederzugeben scheint: Das Leben in der Provinz geht weiter – im Stadtkern, bei Julius Meinl, Kleider Bauer, Elektromarkt-Binder und der Parfümerie Holzerl, im Neubaugebiet und bei der Haftanstalt, entlang der stillgelegten Stahlfabriken und in den nicht ganz so gepflegten Randbezirken – und formiert sich gegen die Aussätzigen: „Die tatsächlichen Tatbestände und die öffentliche Meinung darüber beginnen sich zu überlagern, faktische Wahrheit und deren Gehalt fallen auseinander, und so verhält es sich mit dem Film, der nicht die Geschichte der Stadt Knittelfeld schreibt, sondern die Geschichte einer Stadt wie Knittelfeld.“ (Bert Rebhandl)
(Katalogtext, Alejandro Bachmann)  

Regie: Margret Veit