Diagonale
Festival des österreichischen Films
19.–24. März 2019, Graz

Film Program | Timetable | Directors

 


Donnerstag, 15.03.
18:30 Uhr, UCI Annenhof Saal 5
Freitag, 16.03.
11:00 Uhr, UCI Annenhof Saal 5

NICHT VON SCHLECHTEN ELTERN

Dokumentarfilm, AT 2017, 86 min, 15.3. dOV / 16.3.OmeU

Drei Familien mit Babys und Kleinkindern, deren Bindungen zermürbenden Belastungsproben ausgesetzt sind: traumatisierende Geburtserfahrungen, untröstliche „Schreibabys“, sich nicht einpendeln wollende Schlaf-Wach-Rhythmen. Während die Eltern ihren Kummer artikulieren können, ist die Ausdrucksweise der Kleinen weitaus schwerer zu entschlüsseln. Im Therapieprozess versuchen sie, eine gemeinsame Sprache zu finden und jene Ängste zu ergründen, die sie bedrängen.

Das Therapiezimmer ist schlicht eingerichtet: kuschelige Decken auf Matratzen und jede Menge Kissen. An die Wand gekauert sitzen Imke und Klaus mit ihrem Baby Konrad. Der Kleine weint und wimmert, kommt nicht zur Ruhe. Auch den sichtlich er- schöpften Eltern laufen Tränen über die müden Gesichter. In eng gerahmten Bildern fangen die ersten Einstellungen die Anspannung ein – die sich zum Strudel eindrehen kann, wenn die Stopptaste fehlt.
Für seinen Dokumentarfilm hat Antonin Svoboda drei Familien mit Babys und Kleinkindern begleitet, deren Bindungen schon früh zermürbenden Belastungsproben ausgesetzt sind: traumatisierende Geburtserfahrungen, untröstliche „Schreibabys“ oder sich nicht einpendeln wollende Schlaf-Wach- Rhythmen. In einer Bremer Praxis empfängt der Psychologe Thomas Harms die Familien mit viel Einfühlungsvermögen und Empathie. Der Film wohnt Therapiesitzungen bei, taucht still und beobachtend in diesen intimen Raum ein, in dem ambivalente Gefühle ausgesprochen werden dürfen.
Obschon NICHT VON SCHLECHTEN ELTERN das therapeutische Setting kaum verlässt, gerät der Film nie zum bedrückenden Kammerspiel. In zwi- schengeschnittenen Sequenzen kommen weitere Expert/ innen zu Wort, die sich allesamt mit möglichen Epizentren in Eltern-Kind-Bindungen befassen. Während die Eltern Verunsicherungen und Sorgen formulieren können, ist die Ausdrucksweise der Babys und Kleinkinder weitaus schwerer zu entschlüsseln. Im Therapieprozess versuchen die Familien, Kommunikationswege zu finden und jene Ängste zu ergründen, die sie bedrängen. Denn schließlich ist doch vieles miteinander verstrickt: besondere Belastungssituationen in der pränatalen Phase, komplizierte Beziehungen, gesellschaftlicher Erwartungsdruck und das nachhallende Echo schwieriger Entbindungen. Über körperorientierte Therapieübungen und intensive Gespräche spüren die Mütter ihren mitunter traumatischen Erlebnissen nach.
Tagebuchartige Notizen schildern persönliche Erinnerungen aus dem Kreissaal – eingelesen von einer Stimme aus dem Off (Ursula Strauss). Über diesen filmischen Kunstgriff reichen die von der Seele geschriebenen Erfahrungen einander beistehend auf der Tonebene die Hand. Svoboda räumt geschickt Platz im kleinen Therapiezimmer ein, um das komplexe Thema zu entfalten. Dabei geht er nicht nur sensibel vor, sondern verwehrt sich aktiv jeglicher Besserwisserei. Auch das ist Kommunikationshilfe.
(Katalogtext, jk)  

Regie: Antonin Svoboda
Buch: Antonin Svoboda
Kamera: Antonin Svoboda
Schnitt: Joana Scrinzi
Produzent/innen: Bruno Wagner, Antonin Svoboda, Ulrich Seidl
Produktion: coop99 filmproduktion