Diagonale
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Diagonale
Festival des österreichischen Films
18. – 23. März 2026, Graz

FilmprogrammRegisseur:innen | Spielplan

 

Sonntag, 22.03.
19:30 Uhr, Annenhof Kino 5

Cría cuervos / Züchte Raben ...

Spielfilm, ES 1975, DCP, 110 min, OmeU

Nach dem Tod ihrer Eltern wächst die achtjährige Ana (Ana Torrent) in der Obhut ihrer strengen Tante auf. Die verfallende Familienvilla in Madrid ist ein Mikrokosmos der Träume und Erinnerungen, in dem Ana immer wieder ihre verstorbene Mutter (Geraldine Chaplin) erscheint. Gedreht im Jahr des Todes Francos, gelingt Carlos Sauras Film eine poetische Momentaufnahme der in den letzten Zügen liegenden Diktatur: In den Spielen der Kinder zeigt sich die Freiheit, in die schon bald eine ganze Gesellschaft entlassen wird.

Die Mutter, einst eine begabte Pianistin, die ihre Karriere für ihren Mann an den Nagel hängte, ist schon lange tot – gestorben an diffusem Kummer und einem untreuen Gatten. Der Vater stirbt auch, in den Armen einer Geliebten. Danach wächst die achtjährige Ana (Ana Torrent) mit ihren Schwestern in der Obhut ihrer strengen Tante auf, in der Familienvilla in Madrid. Das dunkle, verfallende Anwesen, umgeben von hohen Mauern, ist ein abgeschlossener großbürgerlicher Mikrokosmos, der vom Tod durchdrungen ist: eine poetische Allegorie auf die in den letzten Zügen liegende Diktatur Francos, der im Jahr der Dreharbeiten, 1975, sterben wird.

Ana mit ihren großen dunklen Augen ist in erster Linie eine Seherin. Sie sieht die Lebenden und die Toten. Immer wieder erscheint ihr, irgendwo zwischen Erinnerung und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit, ihre Mutter, die sie liebte und von der sie geliebt wurde. Man denkt an Victor Erices drei Jahre zuvor entstandenes Meisterwerk El espíritu de la colmena / Der Geist des Bienenstocks (1973), in dem die mesmerisierende Ana Torrent auch schon ein Mädchen namens Ana spielte, das ebenfalls mit seherischen Fähigkeiten ausgestattet ist. Erice näherte sich über den Horrorfilm und die „Rückkehr“ von Kinofiguren in die Wirklichkeit dem Horror der Franco-Diktatur – vor allem über Boris Karloff, der der kleinen Ana auch außerhalb des Kinos erscheint. Bei Saura hingegen wohnt das Mädchen, sehr viel direkter, vergangenen Familienszenen wie einer Theateraufführung bei. Die Villa ist ein Museum für die Geister oder eine Bühne, die von Ana betrachtet wird und auf der sie selbst auftritt, wenn sich die Kinder verkleiden, die Welt der Erwachsenen nachspielen.

Auf diese Weise werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammengeführt, oftmals in einer Einstellung: Geraldine Chaplin spielt nicht nur Anas Mutter (die Szenen zwischen ihr und Ana Torrent sind herzzerreißend), sondern auch die „erwachsene“ Ana, die sich aus der Zukunft an ihre Kindheit zurückerinnert. Zwischen Mutter und Tochter, Erinnerter und Erinnernden gibt es keine Differenz. Die eine ist die andere, rettet die andere, verkörpert sie, verhilft ihr zu neuem Leben.

Ana, das Kind, kann nie schlafen. Sie träumt, aber hellwach und mit offenen Augen. Begegnet sie ihrer Mutter, fragt diese, ob Ana wisse, wie spät es sei. Es ist spät, antwortet Sauras Film – zu spät, um weiter in der lähmenden Franco-Ära dahinzudämmern. Ana ist nicht nur die erste Zuschauerin dieses Erwachens, sondern auch dessen erste Akteurin. In den Spielen der Kinder und ihren Verkleidungen wird die Welt der Eltern noch einmal aufgeführt und verwandelt in ein erstes Zeichen jener Freiheit, in die eine ganze Gesellschaft schon bald entlassen wird. (Philipp Stadelmaier) 

Regie: Carlos Saura
Buch: Carlos Saura
Darsteller:innen: Ana Torrent, Geraldine Chaplin, Conchita Pérez, Maite Sánchez, Mónica Randall, Florinda Chico
Kamera: Teo Escamilla
Schnitt: Pablo G. del Amo
Originalton: Bernardo Menz
Musik: Federico Mompou
Szenenbild: Jesús Mateos
Kostüm: Maiki Marín
Produzent:innen: Elías Querejeta
Produktion: Elías Querejeta Producciones Cinematográficas
Weltvertrieb: Mercury Films, Studiocanal

 

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