Diagonale
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Festival des österreichischen Films
18. – 23. März 2026, Graz

FilmprogrammRegisseur:innen | Spielplan

 

Donnerstag, 19.03.
10:30 Uhr, Annenhof Kino 5

Peter, das Mädchen von der Tankstelle

Spielfilm, AT/HU 1934, DCP, 88 min, OmeU

Alles beginnt mit der Delogierung von Eva und ihrem Großvater. Dann zwingt ein flüchtender Dieb die junge Frau, die Kleidung mit ihm zu tauschen. Und schließlich landet Eva als übereifriger Zeitungsjunge auch noch vor Gericht. Erst als sie zum Zeitungsjungen „Peter“ wird, wendet sich ihr Schicksal endlich zum Besseren – und die Verwechslungskomödie mit Franziska Gaál, Hans Jaray und den wunderbaren Charakterdarstellern Felix Bressart und Otto Wallburg zur bezaubernden Screwball Comedy.

Auch wenn ein Männername dieser schwungvollen Verwechslungskomödie mit sozialkritischem Touch den Titel gibt, so ist deren Heldin in Wirklichkeit eine junge Frau. Als Eva und ihr Großvater delogiert werden, sieht sich die stets fröhliche Einzelgängerin gezwungen, dem schweren Schicksal zu trotzen und sofort Geld zu verdienen. Sie versucht sich als Straßenmusikantin, wird aber von einem flüchtigen Dieb in einen Hinterhof gezerrt, um die Kleidung mit ihm zu tauschen, damit er als Mädchen der Polizei entkommen kann, woraufhin sich Eva als „Peter“ fortan in übergroßen Hosen, Hemd, Mütze und Perücke als Zeitungsjunge durchschlagen muss.

Leider stapelt sie beim Ausrufen der Schlagzeilen dermaßen hoch – „Ereignis des Jahres: Zweijähriger überfällt seine ganze Familie!“ –, dass sich ein unzufriedener Kunde beschwert, die News im Print gar nicht zu finden, und ihretwegen einen Autounfall baut. Als sie vor Gericht gebracht wird, testet sie ihre neu entdeckte Männlichkeit aus, indem sie einen delinquenten Spitzbuben, der ihr gegenübersitzt, nachahmt. Sie kopiert dessen Grimassen, Spucken und Grinsen. Als sie merkt, dass sein Gesicht von Sommersprossen übersät ist, findet sie auch noch einen urkomischen Weg, sich selbst welche zu verschaffen.

Es ist der „bezaubernde[n] Anmut gepaart mit ungarischem Temperament der beliebten Schauspielerin“ Franziska Gaál (1903–1972) zu danken, resümiert die Österreichische Film-Zeitung , die „sich ausgezeichnet in der Rolle des halbwüchsigen Jungens macht, den sie mit viel Humor und überzeugender Wahrhaftigkeit zu geben weiß“. Sie transferiert die von ihr bereits in zahlreichen Lustspielen erprobte Bühnenrolle der Naiven auf die Leinwand und verkörpert Peter alias Eva in bester komödiantischer Tradition als den liebenswerten Fratz, natürlich auch noch unterstützt durch den kongenialen Kleiderwechsel. Bis heute beeindruckt der lockere Umgang mit den vertauschten Geschlechterattributen, doch die wohl mutigste Chuzpe ist der finale Kuss zwischen Gaál und Hans Jaray, beide im Frack. So anstandslos-spritzig konnte dieser Crossdressing-Spaß mit exquisitem Timing freilich nur im Exil inszeniert werden, denn im deutschen Kino war zur Entstehungszeit des Films an ein offenes Spiel mit sexuellen Identitäten gar nicht mehr zu denken.

Wie sich einer Darstellerin annähern, die in den Dreißigerjahren allgemein als „Fräulein Paprika“, wie Variety titelte, bekannt war? Die beim Internationalen Wettbewerb des Moskauer Filmfestivals 1935 als einzige ausländische Teilnehmerin mit Peter einen „unvorstellbaren Sensationserfolg“ landete, denn, so die Jurybegründung, „dieser sozialkritische und doch humorvolle Franziska-Gaál-Film hat die Goldene Medaille für die beste Komödie des Jahres ehrlich verdient“. Als Joe Pasternak sie 1932 nach Berlin holte, landete sie mit ihrem ersten deutschsprachigen Film Paprika einen regelrechten Coup, der sich mit Gruß und Kuß, Veronika! fortsetzte und ihr einen kometenhaften Aufstieg bescherte. Als ihre Filme nach 1933 von den Nazis mit einem Aufführungsverbot belegt wurden, wich sie ins benachbarte Österreich und nach Ungarn aus, wo sie besonders mit den Universal-Produktionen des „Unerwünschten Kinos“ ( Katharina – die Letzte , Peter und Kleine Mutti ) – gemeinsam mit dem versierten Team Hermann Kosterlitz (später Henry Koster, Regie), Felix Joachimson (später Jackson, Buch) und Joe Pasternak (Produktion) – maßgeblich zur Etablierung eines vom deutschen Markt unabhängigen Films beitrug.

Nicht nur ihre jüdische Herkunft, sondern auch ihre konträre Haltung zum Frauenbild des aufkeimenden Nationalsozialismus schränkte Gaáls beruflichen Aktionsradius massiv ein. Die Naziideologie verdammte die burschikose Frau, die raucht, sich in Hosen kleidet und beruflich in Männerdomänen eindringt, als schlüpfrig. Den Apologeten passte es nicht, dass Gaál mit der tradierten Vorstellung des „Heimchens am Herd“ brach. Meist durch gekonntes Changieren in Doppelrollen (kleines Mädchen/junge Frau, Mädchen/Junge) eroberte sie sich eine große Handlungsfreiheit, an der die faschistischen Moralapostel wenig Gefallen fanden.

Mit nur neun Filmen in Europa schuf Gaál ein Œuvre, das Cecil B. DeMille dazu bewog, sie nach Hollywood zu engagieren. Doch nach einem Achtungserfolg mit ihrem ersten US-Film The Buccaneer (1938) wurde ihr Talent in B-Movies verschlissen, und letztendlich scheiterte der einstige Star im Exil im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Gaál trat nur einmal am Broadway auf, arbeitete als Verkäuferin in einem Kindermodengeschäft und starb einsam und verarmt in New York. Kein einziges Branchenblatt würdigte sie mit einem Nachruf, was die einstmals so populäre Darstellerin völlig in Vergessenheit gerieten ließ. Auf der Leinwand aber lebt sie weiter! (Brigitte Mayr)



Mit einer Einführung von Hanja Dämon Kuratiert von SYNEMA

Eine restaurierte Fassung des Filmarchiv Austria (filmarchiv.at)  

Regie: Hermann Kosterlitz
Buch: Felix Joachimson, Johann (János) Vaszary, nach dem Bühnenstück "Nagy cipőben kisfiú" ("Kleiner Junge in großen Schuhen") von Sándor Nádas
Darsteller:innen: Franziska Gaál, Hans Jaray, Felix Bressart, Otto Wallburg, Hans Richter, Herta Natzler, Sigurd Lohde
Kamera: Stefan Eiben
Schnitt: Viktor Gertler
Originalton: Gerhard Goldbaum, Franz Lohr
Musik: Nicholas Brodszky, Fritz Rotter (Liedtexte)
Szenenbild: Márton Vincze
Kostüm: Tihamér Varady
Weitere Credits: Regie-Assistenz: Josef von Baky
Produzent:innen: Joe Pasternak
Produktion: Universal-Film (Wien), Universal-Hunnia (Budapest)
Uraufführung: Wien 1934

 

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