Diagonale
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Festival des österreichischen Films
18. – 23. März 2026, Graz

FilmprogrammRegisseur:innen | Spielplan

 

Freitag, 20.03.
14:30 Uhr, Rechbauer

Der Page vom Dalmasse-Hotel

Spielfilm, DE 1933, Film 35mm, 83 min, dOF

Um der Arbeitslosigkeit zu entkommen, gibt sich Friedel als Mann aus und erhält eine Stelle im Grandhotel. Als flotter junger Page macht sie die Bekanntschaft betuchter Herren und raffinierter Hochstaplerinnen, die es auf deren Vermögen abgesehen haben. In der Titelrolle dieser nach dem Bestseller der österreichischen Autorin Maria Peteani gedrehten Komödie um falsche Identitäten und wahre Liebe brilliert Dolly Haas, die im Kino der Weimarer Republik zum Inbegriff von Androgynität und Modernität wurde.

Tippen, nähen, Buchführung, frisieren: Friedel sucht Arbeit um jeden Preis. Doch in der Wirtschaftskrise einen Job zu finden, ist schwierig, besonders für eine junge Frau. Dann kommt Friedel die rettende Idee: Sie borgt sich von Mitbewohnerin Käthe den Anzug ihres Bruders und tritt an dessen Stelle den vakanten Posten eines Pagen in einem Berliner Grandhotel an.

Dolly Haas, die Darstellerin der Friedel, galt im deutschen Kino der frühen Dreißigerjahre als Spezialistin für Hosenrollen. Sie war die idealtypische Verkörperung der prekären Positionen zwischen Mann und Frau, Frau und Mädchen. Obwohl sie fast ausschließlich in Komödien auftrat, sind ihre Maskeraden dennoch auch Mittel im Kampf des Individuums gegen wirtschaftliche oder gesellschaftliche Marginalisierung. Freilich dienen Probleme wie sexuelle Diskriminierung oder die Erwerbslosigkeit speziell von Frauen den märchenhaften Erzählungen lediglich als zarte Grundierung.

So ist auch Der Page vom Dalmasse-Hotel – seinerzeit ein massiver Erfolg bei Kritik wie Publikum – eine romantische Komödie. Kaum hat Friedel in Livree ihren Dienst angetreten, kommt sie zwei durchtriebenen Hochstaplerinnen auf die Schliche, die Jagd auf finanzkräftige Herren machen. Dass diese als nächstes Opfer ausgerechnet den Baron von Dahlen anvisieren, erweist sich als fataler Fehler. Denn der jungen Friedel ist der ältliche Rittergutbesitzer mehr als sympathisch, weshalb sie sich ihm unentbehrlich macht und fortan nicht von seiner Seite weicht. Umgekehrt fühlt auch der Baron sich von dem vermeintlichen Pagen mit der perfekt sitzenden Uniform seltsam angezogen und ist schwer irritiert.

Erdacht hat diese reizende Verwechslungsgeschichte die aus Prag gebürtige und in Linz aufgewachsene österreichische Schriftstellerin Maria Peteani (1888–1960), deren Werke sich zur Zeit der Ersten Republik großer Popularität erfreuten. Sie veröffentlichte häufig in sozialdemokratischen Zeitungen und verfasste mehrere Romane, darunter Titel wie Die Liebesleiter oder D-Zug 517 . Nach dem „Anschluss“ 1938 erhielt sie – mangels „Ariernachweis“ – von den Nazis Schreibverbot. Erst in der Nachkriegszeit konnte Peteani sich als Autorin von Hörspielen erneut profilieren; einige ihrer Romane wurden wiederaufgelegt, und der berühmteste als Der Page vom Palast-Hotel drei Jahre vor ihrem Tod abermals verfilmt.

Das Original war zu diesem Zeitpunkt weithin vergessen, ebenso seine Hauptdarstellerin, die 1935 aus Überzeugung zunächst nach Großbritannien, danach weiter in die Vereinigten Staaten emigrierte Dolly Haas (1910–1994). Auf der Bühne konnte Haas ihre Karriere u. a. in New York fortsetzen, auf der Leinwand hingegen sah man sie nur noch selten (so etwa in I Confess von Alfred Hitchcock, 1953).

Für ihre Crossdressing-Scharaden in Filmen wie Der Page vom Dalmasse-Hotel wurde die Schauspielerin von der zeitgenössischen Presse mit viel Lob bedacht. Friedrich Porges, eminent wichtiger Kritiker der Tageszeitung Der Wiener Tag , nannte ihre Vorstellung „sehr drollig und schauspielerisch blendend“, der Pester Lloyd begeisterte sich für die „graziöse, behende Dolly Haas“ und befand auch die Geschichte für „ganz up to date“.

Das Berliner Tageblatt berichtete am 25. November 1933 von der Premiere, wie glänzend sich das Parkett unterhalten und manche Szenen sogar mit stürmischem Sonderapplaus bedacht habe. „Dolly Haas beherrscht den ganzen Film“, heißt es dort über den Star – und weiter über ihre Maskerade: „Die Pagenuniform passt ihr ausgezeichnet – fast wie ein Maßanzug aus allererster Hand. Sie nimmt die Treppen des Hotels im Sturm und alle Hindernisse des Manuskripts im Fluge.“ (Michael Omasta)



Mit einer Einführung von Michael Omasta Kuratiert von SYNEMA

Ein Film aus dem Bestand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung (www.murnau-stiftung.de) in Wiesbaden.  

Regie: Victor Janson
Buch: Walter Wassermann nach dem Roman von Maria Peteani
Darsteller:innen: Dolly Haas, Harry Liedtke, Trude Hesterberg, Gina Falckenberg, Hans Richter, Hans Adalbert Schlettow
Kamera: Hugo von Kaweczynski
Schnitt: Roger von Norman
Originalton: Emil Specht
Musik: Eduard Künneke
Szenenbild: Hans Minzloff, Fritz Maurischat
Kostüm: Hans von Karczag
Produzent:innen: Karl Schulz, Robert Wuellner, Erich Schicker
Produktion: Schulz & Wuellner Filmfabrikation (Berlin)
Uraufführung: Gloria-Palast Berlin 1933
Österreichische Erstaufführung: Wien 1934

 

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