Diagonale
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Festival des österreichischen Films
18. – 23. März 2026, Graz

FilmprogrammRegisseur:innen | Spielplan

 

Samstag, 21.03.
11:15 Uhr, Rechbauer

Viktor und Viktoria

Spielfilm, DE 1933, DCP, 99 min, dOF

Die arbeitslose Schauspielerin Susanne springt für den heiseren Komiker Viktor ein, der sich zum Hamlet berufen fühlt, es aber nur zum singenden Damenimitator gebracht hat. Susanne tritt in Frack und Zylinder auf und wird als Mr. Viktoria zur Sensation. Die anschließende Tournee führt sie und Viktor bis nach London, wo der Gentleman und Frauenschwarm Robert ihre Maskerade bald durchschaut. Die fantastische Besetzung (Renate Müller, Hermann Thimig, Adolf Wohlbrück) und Reinhold Schünzels hochmusikalische Regie machen Viktor und Viktoria bis heute zum unvergleichlichen Kinovergnügen.

„Fräulein Susanne, sind Sie ein Mann!“ Die so angesprochene junge Schauspielerin, die von einem Damenimitator namens Viktor sozusagen ins andere Geschlecht gezwungen wird, versucht also in übergroßem Tweed-Sakko, Anzughose, mit Stecktuch, Krawatte und Schiebermütze eine gute Figur zu machen, als sie aus dem Bus steigt. Beide sind arbeitslos, haben gerade aufgrund keinerlei monetärer Rücklagen im billigen Automaten-Buffet gespeist und einen obskuren Plan gefasst, den Auftritt im Vorstadtkabarett nicht sausen lassen, weil dieses Abendeinkommen immerhin einen Wochenlohn sichert. Der verkühlte und stimmlose Viktor gibt normalerweise auf den Brettern, die die „spanische“ Welt bedeuten, eine singende und kastagnettenschlagende Flamencotänzerin mit Fransenrock, Stöckelschuhen und Mantilla-Schleier, bevor er am Ende der eingängigen Musiknummer das Auditorium schockiert, indem er das Lied plötzlich eine Oktave tiefer wiedergibt, sich die Perücke vom Kopf reißt und als Mann outet.

Der zauberhafte Charme, der sich nun in diesem glänzenden Revuefilm entfaltet, geht aus dem von Susanne und Viktor ausgeheckten Schabernack hervor, um das Engagement zu retten und dann einen weltweiten Karrierestart hinzulegen, nämlich die Rollen „que(e)rbeet“ zu tauschen: Die hübsche junge Frau wird im Männeroutfit zum gut gewachsenen Knaben gemacht, „der“ in der Herrengarderobe des Etablissements das Kostüm einer feurigen Demoiselle anlegt, damit auf der Bühne als holde Weiblichkeit durch und durch das Publikum für sich einnimmt, um sich dann am Schluss zum großen Erstaunen und zur Begeisterung aller erst recht als „Herr Viktoria“ zu demaskieren.

Das daraus erwachsende Dilemma für Renate Müller in der Hauptrolle – auf der Bühne ein Mann in Frauenkleidern, im Leben eine Frau in Männerkleidern – entwickelt der Film voller Eleganz und Ambivalenz. Das ist nicht nur Müllers virilem Gegenpart Adolf Wohlbrück zu verdanken, der als Robert den Ruf als „Londons berühmtester Frauenkenner“ zu verteidigen hat und relativ schnell die Camouflage des Crossdressing durchschaut. Und sich nicht das Vergnügen entgehen lässt, den „hübschen Jungen“ – der im Frack mit Stock und Zylinder eine ebenso gute Figur macht wie der Dandy – allerlei Männlichkeitsproben zu unterziehen: Er lässt „ihn“ Pfeife rauchen, drängt auf eine Rasur und eine Behandlung mit heißen Tüchern im Salon und schüttet „ihn“ mit Alkohol zu.

Die ambivalente sexuelle Gleichberechtigung ist Agenda des Regisseurs Reinhold Schünzel, die er auch in Verwechslungskomödien wie Die englische Heirat oder Wie sag’ ich’s meinem Mann? erprobte. Auch sein amüsantes Drehbuch zu Viktor und Viktoria variiert das Thema der Überschreitung von Gendergrenzen, sein pfiffiger Vorschlag des Kleidertauschs („Wie weit haben Sie es denn als Mädchen gebracht, als hübscher Junge wird man sich um Sie reißen!“) bringt ein heißes Eisen ins „Rollen“. Trotzig konterkariert Susanne, kurz bevor der Coup d’Amour enthüllt wird, den Part, den sie im Leben und auf der Bühne spielt, indem sie zu Viktor sagt: „Ich falle schon nicht aus der Rolle, aber haben Sie schon vergessen, dass ich eine Frau bin?“ Schünzel weiß, dass in einer Komödie wie dieser alles reibungslos ablaufen muss, damit die Illusion perfekt ist. Er hat alles im Griff: die Choreografie der Musicalnummern, die ausdrucksstarke Kameraführung und die makellosen Darbietungen seines großartigen Ensembles.

Blond, blauäugig, charmant, gut aussehend: Renate Müller (1906–1937) war berühmter Star und herausragende Interpretin des musikalischen Lustspiels der deutschen Ufa in den Dreißigerjahren. Sie begeisterte nicht nur das Kinopublikum, sondern auch die neuen Machthaber – Hitler lud sie zu privaten Gesellschaften in die Reichskanzlei, Goebbels ließ sie überwachen. Einem Berufsverbot konnte sie aufgrund ihrer Prominenz entgehen, aber als sie in Paris filmte und dort ihren jüdischen Freund, der aus Deutschland emigriert war, wieder traf, wurde sie bei der Rückkehr nach Berlin vernommen, später abgehört, in ihrer künstlerischen Arbeit systematisch eingeschränkt und damit erpresst, dass ihr Vater ins KZ überstellt werde. Gezwungen, im Nazi-Propagandafilm Togger (1937) mitzuwirken, verfiel sie daraufhin Alkohol und Drogen. Ein Sturz aus dem ersten Stock ihres Hauses löste einen schweren epileptischen Anfall aus, der schließlich zum Tod führte. Unmittelbar danach wurde ihr Hab und Gut von der Gestapo in Besitz genommen, sämtliche Briefe wurden vernichtet, der Nachlass zwangsversteigert. Die Erinnerung an sie sollte ausgelöscht werden, aber im Kino bleiben außergewöhnliche Frauen unsterblich.

Die im Film gezeigte Travestie erzählt jedoch nicht nur von einer Frau, die sich mit Witz und Einfallsreichtum männliche Verhaltensmuster und Gesten aneignet, um ihre Stellung zu behaupten. Sie zeigt auch die Verve, mit der arbeitslose Frauen im realen Leben, gerade in der Zwischenkriegszeit, in der sie sich in Notsituationen befanden, um Anerkennung, ihre soziale Stellung und eine angemessene Sichtbarkeit rangen – den politischen Wirrnissen zum Trotz. Dafür war es ab und an nötig, im wahrsten Sinne des Wortes die Hosen anzuziehen. (Brigitte Mayr)



Mit einer Einführung von Brigitte Mayr Kuratiert von SYNEMA

Ein Film aus dem Bestand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung (www.murnau-stiftung.de) in Wiesbaden.  

Regie: Reinhold Schünzel
Buch: Reinhold Schünzel
Darsteller:innen: Renate Müller, Hermann Thimig, Adolf Wohlbrück, Hilde Hildebrand, Aribert Wäscher, Rudolf Platte
Kamera: Konstantin Irmen-Tschet, Werner Bohne
Schnitt: Arnfried Heyne
Originalton: Fritz Thiery, Walter Tjaden
Musik: Franz Doelle, Bruno Balz (Liedtexte)
Szenenbild: Benno von Arent, Artur Günther
Kostüm: Luise Leder, Ida Revelly
Weitere Credits: Regie-Assistenz: Kurt Hoffmann
Produzent:innen: Eduard Kubat, Alfred Zeisler
Produktion: UFA, Herstellungsgruppe Alfred Zeisler (Berlin)
Uraufführung: Gloria-Palast Berlin 1933

 

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