Diagonale
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Festival des österreichischen Films
18. – 23. März 2026, Graz

| Podiumsdiskussion |
Ein Wirtshaus – zwischen Tradition, Wandel und Zukunftsangst

Sonntag, 22. März, 17.15 Uhr
Filmzentrum im Rechbauerkino


Die Filme:

2268, früher
von Gloria Gammer
AT/DE 2019, 29 min

Alltagsgeschichte – Am Stammtisch. Ein Heimatfilm
Elizabeth T. Spira
AT 1988, 58 min

Der Himbeerpflücker
Erich Neuberg
AT/BRD 1965, 111 min

Voodoo Jürgens – Federkleid
Hannes Starz, Marianne Andrea Borowiec, Voodoo Jürgens
AT 2022, 5 min

Indien
Paul Harather
AT 1993, 86 min

 

| Und in der Mitte | Ein Wirtshaus |

ALLTAG UND AUSNAHMEZUSTAND. WO DAS DORF ZUSAMMEN KOMMT.
Von Daniela-Katrin Strobl, Michael Zeindlinger

2268, Früher von Gloria Gammer © Philip Jestaedt

Und in der Mitte ist eine neue, im Rahmen der Diagonale jährlich stattfindende Film- und Gesprächsreihe, die sich mit Orten jenseits urbaner Zentren auseinandersetzt – mit ländlichen Räumen, in denen gesellschaftliches Zusammenleben sichtbar, verhandelbar und zugleich fragil wird. Ausgangspunkt ist jeweils ein konkreter Ort als Resonanzraum für Fragen nach Identität, Wandel und Gemeinschaft auf dem Land. In den kommenden Jahren werden weitere Schauplätze im Mittelpunkt stehen. Durch die Gegenüberstellung dokumentarischer, essayistischer und fiktionaler Arbeiten soll derart ein filmisches „Geflecht der Orte“ entstehen, das ländliche Topografien mit einem Kino des Erinnerns, Beobachtens und Erzählens verbindet. Ein Filmzyklus über Räume und Orte als Subjekte, die unser Zusammenleben formen und herausfordern. Jedes Jahr ein neuer Ort, jedes Mal andere Gespräche.

Zum Auftakt rückt ein Ort ins Zentrum, der wie kaum ein anderer für das soziale Gefüge auf dem Land steht: das Wirtshaus. Als Dorfgasthaus, Kirchenwirt oder Landgasthof ist es Treffpunkt und Bühne zugleich – für Stammtische und Vereinsabende, für Hochzeiten und Begräbnisse, für Alltägliches und Ausnahmezustände. Ein Ort, an dem Nähe entsteht und Ordnung behauptet oder verworfen wird. Aus der oft überheblichen städtischen Perspektive auf das Dorf changiert das Wirtshaus zwischen verklärter Feierlichkeit und Tristesse. Politik und mediale Berichterstattung instrumentalisieren den Begriff „Stammtisch“, während reale Wirtshäuser vielerorts verschwinden und damit Wurzel und Symptom gleichermaßen sind: Gibt’s kein lebendiges Ortszentrum, stirbt der Wirt, gibt’s keinen Wirt, stirbt das Ortszentrum.

Die Filme dieses Zyklus nähern sich dem Gasthof als sozialem Raum an: als Ort der Verhandlung und des Austauschs, als Umschlagplatz von Neuigkeiten, Meinungen und Macht. Sie zeigen das Wirtshaus als offenen und zugleich ausschließenden Raum – vertraut, umkämpft und fragil. Ein Ort, an dem sich Fragen nach Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Wandel exemplarisch verdichten; an dem sichtbar wird, wer spricht, wer bedient und wer fehlt.

In den Filmen dieser Reihe ist der Ort manchmal Subjekt, manchmal Charakter, aber nie bloß Schauplatz. Im tragikomischen Klassiker Indien (Paul Harather, 1993) etwa wird eine unwahrscheinliche Freundschaft vor dem Hintergrund einer melancholisch-dunklen Seelenlandschaft verhandelt. Die Wirtshäuser, durch die die beiden Protagonisten tingeln, sind dabei weit mehr als Stationen einer Reise: wunderschöne holzvertäfelte Zeitdokumente einer Gasthauskultur, die in dieser Form kaum noch existiert. Gleichzeitig tritt die behördliche Apparatur als antagonistische Kraft auf – als ein System aus undurchsichtigen, oft absurden Verordnungen, das scheinbar immer etwas zu beanstanden findet und Wirt:innen zur Weißglut treibt. In Der Himbeerpflücker (Erich Neuberg, 1965) wiederum fungiert das Wirtshaus als Umschlagplatz von Neuigkeiten, Gerüchten und sozialen Verflechtungen. Es ist Treffpunkt, Informationsbörse und oft die einzige Übernachtungsmöglichkeit für Reisende in ländlichen Gegenden. Der Stammtisch etabliert sich hier als männliches Bollwerk, als Ort informeller Machtverteilung und sozialer Hierarchien. Diese Dynamiken werden in der Alltagsgeschichte-Episode Am Stammtisch. Ein Heimatfilm (Elizabeth T. Spira, 1988) besonders scharf herausgearbeitet. In ländlichen Gasthäusern werden politische und weltanschauliche Behauptungen verhandelt, ohne an Ressentiments, Machtansprüchen oder Ausgrenzungen zu sparen. Authentisch und schmerzhaft entlarvend stellt Spiras Reportage die Frage nach dem Begriff Heimat – und danach, wer dazugehört und wer nicht. Einen ähnlichen Konflikt, jedoch im familiären Rahmen, beleuchtet 2268, früher (Gloria Gammer, 2019). Am Beispiel des „Georgihofs“ wird ein Generationenstreit sichtbar: Die ehemalige Wirtin sabotiert die Arbeit ihres Enkels und trägt damit unweigerlich zum Ende des Gasthauses bei. Tradition und Erneuerung stehen einander unversöhnlich gegenüber.

So verdichtet sich über alle Filme hinweg eine zentrale Frage: Wem gehört das Gasthaus – der Vergangenheit, der Gegenwart oder denen, die es in die Zukunft führen wollen? Und was geschieht, wenn das Gespräch verstummt und der Ort seine Stimme verliert?

Ein Programm von Daniela-Katrin Strobl, Michael Zeindlinger

 


ZUR REIHE
Und in der Mitte ist eine neue jährlich stattfindende Film- und Gesprächsreihe auf der Diagonale, die sich filmisch mit Orten jenseits urbaner Zentren auseinandersetzt – mit ländlichen Räumen, in denen gesellschaftliches Zusammenleben sichtbar, verhandelbar und zugleich fragil wird. Ausgangspunkt ist jeweils ein konkreter Ort der zum Resonanzraum für Fragen nach Identität, Wandel und Gemeinschaft am Land wird. In den kommenden Jahren rücken weitere alltägliche Schauplätze ins Zentrum der Reihe. Durch die Gegenüberstellung dokumentarischer, essayistischer und fiktionaler Arbeiten soll ein filmisches Geflecht der Orte entstehen, das ländliche Topografien mit einem Kino des Erinnerns, Beobachtens und Erzählens verbindet.
Ein Filmzyklus über Räume und Orte als Subjekte, die unser Zusammenleben formen und herausfordern. Jedes Jahr ein neuer Ort, jedes Mal andere Gespräche.

 

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