| Position | Hlynur Pálmason |
EIN TIEFES GEFÜHL VON ZUGEHÖRIGKEIT
Von Sarah Lutton

Hlynur Pálmason © Hildur Ýr Ómarsdóttir
Hlynur Pálmason ist Filmemacher, bildender Künstler und kreativer Universalgelehrter. Mit neugierigem und genau beobachtendem Blick entwirft er filmische Welten, die von einer lebhaften Fantasie und zugleich von einer tiefen Verbundenheit mit der Natur zeugen. Sein Werk zeichnet sich durch visuellen Reichtum und faszinierende Reduziertheit aus: Pálmasons Filme, in die offizielle Auswahl von Cannes, Berlin, Toronto und Locarno aufgenommen und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, wirken verspielt und beweisen ein ausgeprägtes Gespür für besondere Schauplätze. Sie entstehen ohne Eile und wollen im Kino nicht überwältigen, sondern zum Nachdenken anregen. Sie lassen einen Zugang erkennen, den der Kritiker und Kurator des New York Film Festival Justin Chang treffend als „beobachtende Sparsamkeit” beschreibt. (1)
Pálmason absolvierte ein Regiestudium an Den Danske Filmskole (DFS), der Nationalen Filmschule Dänemarks, das er 2013 mit dem Kurzfilm A Painter (En maler, 2013) abschloss. Die dänischen Jahre sollten sich als prägende Phase erweisen, in der er bis heute wichtige Kontakte knüpfte, etwa zu seinem langjährigen Cutter Julius Krebs Damsbo. Pálmason blieb mehrere Jahre in Dänemark und arbeitete an dänisch-isländischen Gemeinschaftsprojekten, bevor er schließlich nach Island zurückkehrte.

Still aus Winter Brothers © Hlynur Pálmason
„Wir befinden uns auf offener See, ein Mann kämpft um sein Leben. Er ist von sieben Booten umgeben.“ (2) So lautet die Inhaltsangabe von Seven Boats (Sjö Bátar, 2014), der irgendwo auf dem Meer vor der dunklen, schneebedeckten Küste Islands spielt. Der in fesselndem Schwarzweiß gehaltene frühe Kurzfilm kann als Allegorie auf das menschliche Ringen nicht nur mit der Natur, sondern auch mit unserem Mitgefühl interpretiert werden – ein ewiger Kampf, der auch im Mittelpunkt von Pálmasons Debütfilm Winter Brothers (Vinterbrødre, 2017) steht, einer wild-schönen Erkundung der Routinen und Rituale zweier Brüder, die in einem Kalksteinbruch arbeiten: Sosehr sich Emil (Elliott Crosset Hove) intakte Beziehungen zu seinen Mitmenschen und Intimität wünscht, so sehr fehlen sie ihm im Leben. Winter Brothers wurde hauptsächlich auf 16mm-Film in Faxe, einer kleinen Stadt auf der dänischen Insel Sjælland, gedreht und beeindruckt durch seine sparsame, offene Erzählweise. Verstörende Geräusche und Bilder verstärken den Eindruck von Enge in dieser rauen Umgebung, unter deren Oberfläche die Gewalt brodelt. Das Eintauchen in die abgeschlossene Welt von Winter Brothers erlaubt eine zutiefst sinnliche Erfahrung – in Zusammenarbeit mit Damsbo verwandelt Pálmason Ton, Bild und Stimmung in ein nahezu symphonisches Erlebnis. (3) Zwar gibt Emil auf seiner Odyssee die Hoffnung nicht auf, doch Pálmasons Inszenierung verweigert die klassische Anteilnahme und fordert stattdessen dazu auf, aus dieser Geschichte persönliche Schlussfolgerungen zu ziehen.

Still aus A White, White Day © Hlynur Pálmason
Pálmasons zweiter Spielfilm, A White, White Day (Hvítur, Hvítur dagur, 2019), gedreht im breiten Super35-Format, beginnt mit einer statischen Einstellung, die den Wechsel der Jahreszeiten in einer abgelegenen isländischen Stadt einfängt. Ein Mann baut auf einem einsamen Grundstück ein Haus, unterbrochen von gelegentlichen Besuchen von Familienmitgliedern und oft flüchtig beobachtet von Islandpferden. Der Hausbauer ist Ingimundur (Ingvar Sigurðsson), der frisch verwitwete Polizeichef der Stadt. Er ist gelähmt von Trauer und entfremdet sich zunehmend von seinen Mitmenschen, nur zu seiner Enkelin (gespielt von Pálmasons Tochter Ída Mekkín Hlynsdóttir) unterhält er eine herzliche Beziehung. Eine zufällige Entdeckung über seine Frau löst eine obsessive Suche nach der Wahrheit aus: Ingimundurs Vorgehensweise bei seinen Ermittlungen erinnert zuweilen an einen Thriller, aber seine Umgebung und seine schrittweisen Enthüllungen besitzen etwas zutiefst Übernatürliches. Ein „weißer, weißer Tag“, so wird erklärt, ist ein Tag, „an dem die Trennung zwischen Land und Himmel nicht mehr zu unterscheiden ist und die Toten zu den Lebenden sprechen“. Hypnotische Bilder unterstreichen die schöne Fremdartigkeit der atemberaubenden Landschaft, während Sigurðssons beeindruckende Darstellung das zerstörte Innere eines Mannes offenbart, der, obwohl von Verlust zerfressen, noch an das Weiterleben glaubt.

Still aus Godland © Hlynur Pálmason
Im Jahr 2022 feierten Pálmasons Kurzfilm und Videoinstallation Nest (Hreiður) auf der Berlinale sowie wenige Monate später sein dritter Spielfilm Godland (Vanskabte Land / Volaða Land) in Cannes Premiere. Wie in den früheren Arbeiten sind auch hier die karge Schönheit und Härte der Natur, ihre Bewegungen und Geräusche zentrale Elemente. Nest ist eine sich über mehrere Jahreszeiten erstreckende Beobachtung von Geschwistern (gespielt von Pálmasons Kindern), die ein Baumhaus bauen – eine mit Mühen und Freude verbundene Arbeit, die in Einklang mit dem Rhythmus des Wetters und der Zeit geschieht. Das Historiendrama Godland spielt hingegen im späten 19. Jahrhundert und erzählt von der menschlichen Hybris gegenüber Gott und der Natur. Lucas (Elliott Crosset Hove), ein junger dänischer Priester, reist in einen abgelegenen Teil Islands (damals eine dänische Kolonie), um eine Kirche zu bauen und die Einheimischen zu fotografieren. Doch weit davon entfernt, sich assimilieren zu wollen oder christliche Nächstenliebe und Wohltätigkeit in seiner neuen Heimat zu zeigen, verhält er sich undurchsichtig, arrogant und schließlich gefährlich aggressiv. Gedreht im klassischen Academy-Format (dessen Seitenverhältnis von 1,33 : 1 ein quadratischeres Bild erzeugt) nehmen die Landschaftsaufnahmen denselben Stellenwert ein wie die menschlichen Charaktere. Sie bilden nicht nur den Rahmen für die Erzählung, sondern prägen diese auch maßgeblich. Die Natur wird so zum beeindruckenden Gegenspieler von Lucas’ blindem Imperialismus und seiner mutwilligen Missachtung der Mitmenschen. Gegen Ende des Films sieht man, typisch für Pálmason, Bilder aus seinem Zeitrafferfilm Lament for a Horse (Harmljóð um hest), der den Verfall eines Islandpferdes dokumentiert; mithin jenes Tieres, das für die Entwicklung Islands zum modernen Inselstaat von großer Bedeutung war. Eine Hommage auf die Natur und eine ergreifende Erinnerung daran, dass am Ende alles zu Staub zerfällt.

Still aus Lament for a Horse © Hlynur Pálmason

Still aus The Love That Remains © Hlynur Pálmason
Auch in Pálmasons jüngstem Spielfilm, The Love That Remains (Ástin sem eftir er, 2025), wird das Verstreichen der Zeit zu einem fast physischen Erlebnis. Erzählt wird ein Jahr im Leben einer isländischen Familie, die Eltern haben sich unlängst scheiden lassen. Witzig, verspielt und überraschend unterstreicht der Wechsel der Jahreszeiten den Lauf der Dinge und bestimmt den Alltag, der „gleich und doch anders“ ist. Typische Familienszenen werden von mysteriös-skurrilen Episoden unterbrochen. Die Zeit vergeht, die Trennung ist traurig, aber Veränderungen bringen neue Perspektiven mit sich. Auch Pálmasons zweite Arbeit aus dem Jahr 2025, der mit The Love That Remains verbundene Zeitrafferfilm Joan of Arc (Jóhanna af Örk), ist eine Geschichte, die von den Jahreszeiten, der Landschaft und den Naturelementen erzählt. (4) Kinder bauen auf einer kleinen Anhöhe vor der Küste eine Puppe, um mit ihr als Zielscheibe das Bogenschießen zu üben. Mit der Zeit wird die ritterähnliche Figur von den Pfeilen und dem extremen Wetter gebeutelt: Die Puppe zerfällt, aber anstatt durch Vernachlässigung ganz zu verschwinden, deutet eine überraschende Wendung auf mysteriöse Weise darauf hin, dass es jenseits des Erlittenen für sie ein neues Leben geben könnte. Die perfekte Zusammenfassung von Pálmasons Werk: eine tiefsinnige Auseinandersetzung mit der Beschaffenheit der natürlichen Welt und dem Lauf der Zeit.

Still aus Joan of Arc © Hlynur Pálmason
Fußnoten/Quellenangaben:
(1) Justin Chang im Gespräch mit Hlynur Pàlmason nach dem Screening von The Love That Remains während des New York Film Festival am 10.10.2025
(2) Seven Boats, Synopsis, Hlynur Palmason, https://www.hpalmason.com/text
(3) Das Betrachten von Filmen ist für Pálmason mit dem Hören von Musik vergleichbar, weil in beiden Fällen individuelle emotionale Erfahrungen gemacht werden. Sarah Bradbury im Gespräch mit Hlynur Pálmason, The Upcoming, 22.10.2025, https:/www.youtube.com/watch?v=tlIDSuZJ0Cc
(4) In The Love That Remains benutzen die die Zwillinge und ihre ältere Schwester (gespielt von Pálmasons eigenen Kindern) eine ritterähnliche Puppe zum Zielschießen; die Kinder in Joan of Arc werden ebenfalls von Pálmasons Kindern gespielt. Obwohl Joan of Arc als Spin-off des Langfilms betrachtet werden kann, handelt es sich nicht um streng „gleichzeitige“ Projekte. Die Dreharbeiten zu The Love That Remains begannen 2017, während Joan of Arc über einen Zeitraum von drei Jahren entstand.
Über die Autorin:
Sarah Lutton ist Filmkritikerin und Kuratorin sowie Spezialistin für nordischen Film und langjährige Mitarbeiterin des BFI London Film Festival, wo sie derzeit Mitglied des Auswahlkomitees ist. Außerdem arbeitet sie für die BAFTA (British Academy of Film and Television Arts) im Mentor:innenprogramm für Nachwuchstalente und für die Filmabteilung des British Council, das britische Filme und Filmemacher:innen international unterstützt.