
Der Himbeerpflücker
Spielfilm, AT/BRD 1965, DCP, 111 min, dOF
Im Wirtshaus „Zum weißen Lamm“ ist die Ungustl-Dichte am Anschlag. Der Wirt, schweißtreibend verkörpert von Helmut Qualtinger, und seine selbstgerechte Männerrunde geraten in Wallungen, als angeblich der Himbeerpflücker, ein ehemaliger SS-Führer, ins Gästezimmer eincheckt. Es wird intrigiert, gelogen und gehandschlagt, bis in diesem Nachkriegs-Bierdunst nur noch verdrängte Schuld zurückbleibt. Niemand ist hier ein „weißes Lamm“, und die Verwechslungskomödie von Fritz Hochwälder öffnet den österreichischen Abgrund.
Ein Fremder in der ländlichen Idylle wird verdächtigt, ein ehemaliger SS-Führer und Massenmörder zu sein, während gleichzeitig in der Gegend ein Juwelendieb auf der Flucht ist. Das schlägt innerhalb kürzester Zeit Wellen im Ort und bringt den gesamten Gastraum des Dorfwirtshauses in Aufruhr.
„Das weiße Lamm“ in Bad Brauning ist ein Dorfwirtshaus, wie es im österreichischen Bilderbuch steht. Nicht der Gast, sondern der Wirt, sprichwörtlich schweißtreibend verkörpert von Helmut Qualtinger, hat hier das Sagen. Die Männerrunde in der Gaststube ist ein Sammelsurium selbstzufriedener Nachkriegscharaktere, die en gros nationalsozialistischen Dreck am Stecken haben und noch den alten Führerzeiten nachtrauern. Die schwächere Einkommensschicht ist in Form des Kellners Zagl vertreten, der sich aber mehr anschreien lassen muss, als Teil eines Gesprächs sein zu dürfen.
Mit der Ankunft des vermeintlichen Himbeerpflückers wird alsbald in alle Richtungen intrigiert, gelogen und gehandschlagt, und dabei ist im Wirtshaus gewiss niemand ein weißes Lamm. Die Dichte an wendehalsigen Ungustln ist hier von Beginn an am Anschlag, bis sich am Ende der Geschichte einzig der Juwelendieb und die gschaftige Burgerl einen Hauch von Menschlichkeit erlauben.
Die als fast harmlos daherkommende Verwechslungskomödie, basierend auf einem Stück von Fritz Hochwälder, entpuppt sich schnell als Abrechnung mit der österreichischen Vergangenheit und Nachkriegsgegenwart.
Der Himbeerpflücker
ist ein Blick in einen Abgrund, der nie richtig geschlossen wurde. (Daniela-Katrin Strobl, Michael Zeindlinger)
Buch: Fritz Hochwälder, nach seinem gleichnamigen Theaterstück
Darsteller:innen: Helmut Qualtinger, Kurt Sowinetz, Lukas Ammann, Blanche Aubry, Helmut Janatsch, Hilde Sochor
Kamera: Gerhard Wanderer
Schnitt: Walter Sihorsch
Originalton: Gerhard Boote
Szenenbild: Gerhard Hruby
Kostüm: Edith Almoslino
Produzent:innen: Erich Neuberg
Produktion: ORF





