
Ich denke oft an Hawaii
Dokumentarfilm, BRD 1978, DCP, 85 min, OmeU
Eine experimentelle Arbeit über Vereinsamung, Neubausiedlungen, Sprachlosigkeit und die Entfernung zwischen Berlin und Hawaii. In einem einfühlsamen und bildpoetischen Porträt stellt Mikesch Lebensrealität und Traumwelt der 16-jährigen Carmen Rossol vor: scharlachrote Lippen, knallgelber Putzeimer und giftgrüne Götterspeise als Protest gegen die Gleichförmigkeit gezeigter Alltagsroutinen. Diese Lust an Inszenierung wirkte 1978 auf das Duisburger Publikum verstörend – viele verließen den Kinosaal.
Scharlachrote Lippen, knallgelber Putzeimer und giftgrüne Götterspeise als Protest gegen die Gleichförmigkeit gezeigter Routinen: Bedrückende Verhältnisse werden in Elfi Mikeschs
Ich denke of an Hawaii
nicht durch die Handlung, sondern durch die Fantasie unterlaufen. Dem monotonen Alltag steht eine überbordende Inszenierung in Farbe und Schwarzweiß entgegen, entstanden im kollaborativen Prozess von Elfi Mikesch und ihrer 16-jährigen Protagonistin Carmen Rossol. Trostlose Berliner Vororte verwandeln sich in Gothic-Horror-Landschaften, durch die Carmen mit der betörend lethargischen Anmut einer expressiv geschminkten Stummfilmschönheit wandelt. Der Film ist sinnlich in der Aufmachung und knallig in den Farben, ein Bemühen um sozialdokumentarischen Realismus ist kaum zu erkennen. Stattdessen steckt seine Wahrheit in der märchenhaften Kraft und Pracht der leuchtenden Farben, die, befreit von Zwängen der Realität, die Teenager-Tagträume widerspiegeln.
Dokumentarfilm kann auch ein Schwelgen in Sehnsüchten und Bildern sein, die hinter Berliner Betonbauten rumoren. 1978 wirkte diese Lust an Inszenierung auf das Duisburger Publikum verstörend; viele verließen den Kinosaal, das Unverständnis kulminierte in der Frage, ob man über sozial Unterprivilegierte einen poetischen Film machen dürfe. (Patrick Holzapfel, Friederike Horstmann)
Content Notes:
Ich denke oft an Hawaii enthält explizite Szenen sexuellen Inhalts
Buch: Elfi Mikesch
Darsteller:innen: Carmen Rossol, Ruth Rossol, Tito Rossol
Kamera: Elfi Mikesch
Schnitt: Elfi Mikesch, Elfie Tillack
Originalton: Evi Tillack, Elfi Mikesch, Christian Sievers
Szenenbild: Elfi Mikesch
Kostüm: Elfi Mikesch
Weitere Credits: Regieassistenz: Christian Sievers; Mischung: Gerhard Jensen
Produzent:innen: Elfi Mikesch, Laurens Straub
Produktion: Oh Muvie Produktion
Koproduktion: Laurens Straub, ZDF
Uraufführung: International Film Festival Rotterdam 1978

