
Mein halber Vater
Dokumentarfilm, AT 2026, DCP, 92 min, OmeU
Als Viki Kühns Vater einen Schlaganfall erleidet, wird die Mutter plötzlich zum neuen Familienoberhaupt. Mit der Handkamera begleitet die Regisseurin ihre Eltern in den nächsten acht Jahren, wobei sie nicht davor zurückscheut, die unmittelbaren Folgen der Erkrankung zu zeigen. Ein starkes Plädoyer für die Wertschätzung unsichtbarer Care-Arbeit sowie eine emotionale Reflexion über das eigene Erwachsenwerden. Das Greifbare im Leben ist stets flüchtig, allein die Erinnerung bleibt.
Mit der Oma ein Eis essen, im Freibad in der Sonne liegen. Und dann ist man „plötzlich erwachsen, ob man will oder nicht“, wie Viki Kühn aus dem Off über den Verlust der Kindheit reflektiert. Über jenen der Großeltern und, wie sich langsam herauskristallisiert, den baldigen des Vaters. Denn dieser hat einen schweren Schlaganfall erlitten, die rechte Körperhälfte ist seither gelähmt. Kühn begleitet den Alltag der Eltern mit der Handkamera. Beobachtet, wie die Mutter, deren Care-Arbeit immer weiter in den Mittelpunkt rückt, zum Oberhaupt der Familie wird.
Scheinbare Belanglosigkeiten wie der Wohnungsputz, aber auch das Schmücken des Weihnachtsbaums geraten wiederholt in den Fokus der mobilen Kamera. Aber diese Tätigkeiten bedeuten hier keine Ablenkungen, sondern liefern die Erkenntnis, dass es trotz der belastenden Situation immer auch Alltägliches zu erledigen gibt. Auch scheut die Filmemacherin und Tochter nicht davor zurück, die unmittelbaren Folgen des Schlaganfalls zu zeigen: den dürren Körper des Vaters, die geistige Verwirrtheit, den zunehmenden Grant. Doch Kühn vermeidet jeden Anflug von Voyeurismus, indem sie die Aufnahmen, wohl auch aus Gründen der Pietät, zunehmend verfremdet und auch mit sich selbst ins Gericht geht. Das Erwachsenwerden kollidiert mit dem Festhalten an der Vergangenheit. Im Hinblick auf den Umstand, dass der Vater bereits seit acht Jahren ans Bett gefesselt ist, meint die Mutter zur weinenden Tochter: „Da willst du ihn noch 20 Jahre haben, das finde ich egoistisch.“ Letztendlich ist das Greifbare im Leben stets flüchtig, allein die Erinnerung bleibt. (Susanne Gottlieb)
Präsentiert von Ö1 intro
Buch: Viki Kühn
Kamera: Viki Kühn
Schnitt: Joana Scrinzi, Viki Kühn
Originalton: Viki Kühn
Sounddesign: Peter Kutin
Produzent:innen: Barbara Pichler, Gabriele Kranzelbinder
Produktion: KGP Filmproduktion
Gefördert von: ÖFI – Österreichisches Filminstitut
ÖFI+
in Zusammenarbeit mit 3sat
Uraufführung: Diagonale '26
Produktionsformat: digital








