Diagonale
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Festival des österreichischen Films
18. – 23. März 2026, Graz

FilmprogrammRegisseur:innen | Spielplan

 

Donnerstag, 19.03.
11:00 Uhr, KIZ Royal 1

Winter Brothers / Vinterbrødre

Spielfilm, DK/IS 2017, DCP, 93 min, OmeU
Sammelprogramm: POSITION Hlynur Pálmason: Winter Brothers

Hlynur Pálmasons erster, vielfach ausgezeichneter Langspielfilm folgt zwei Brüdern, die in einer abgeschiedenen Gegend in einer Kalksteinmine arbeiten. Emil (Elliott Crosset Hove) brennt Schnaps, den alle trinken und der manch einen das Leben kostet. Ansonsten versucht er, zwischen den dunklen Stollen und der gleißend hellen Winterlandschaft seinen Platz in einer Männerwelt zu finden, in der er ein komisch-verzweifelter Außenseiter bleibt. Ein kontrastreicher, expressiver, dennoch ruhiger Film. Starker Stoff.

Alles beginnt in den dunklen Stollen einer Kalksteinmine, einer lichtlosen Gegenwelt, in der die Helmlampen der Arbeiter tanzen wie verwirrte Sterne. Aus diesem Dunkel gelangt der Film ins Helle einer abgelegenen schneeweißen Winterlandschaft irgendwo in Dänemark, wo die Brüder Emil (Elliott Crosset Hove) und Johan (Simon Sears) ein ärmliches Dasein fristen. Emil brennt zu Hause illegal Schnaps, ein braunes und hartes Zeug, das alle trinken (ohne mit der Wimper zu zucken) und manch einen das Leben kostet. Was dazu führt, dass Emil, ohnehin schon Außenseiter und zunehmend auch Waffennarr, einen schwierigen Stand hat in dieser Welt, die (bis auf eine Ausnahme) nur aus Männern besteht.

Hlynur Pálmasons erster, vielfach ausgezeichneter Langspielfilm durchmisst zwischen dem Dunkel der Mine und dem Gleißen des Schnees einen kontrastreichen, expressionistischen Kosmos, der – man beachte die kreisrunden „Irisblenden“ – etwas von der Formsprache des Stummfilms übernimmt. Es ist eine archaische Welt, grundiert vom Urgetöse gewaltiger Maschinen, in der sich nie etwas zu ändern scheint, weder die Arbeit noch das Leben. Der alles bedeckende Schnee und das Dunkel der Stollen heben gleichermaßen das Fortschreiten der Zeit auf. Erinnert Emil in seiner komisch-verzweifelten Art des stillen Protests gegen diese Monotonie (sich bei der Arbeit einen genehmigen, dann dreist vor eine Riesenwalze pinkeln) nicht auch an Chaplins Tramp? Ob zur Waffe oder zur Flasche gegriffen wird: Es geht darum, der ewigen Wiederkehr ein Schnippchen zu schlagen, ihr ein kleines und unwahrscheinliches Vergnügen zu entlocken, sei es durch unverdaulichen Schnaps oder einen alten Karabiner. Es geht darum, ein bisschen tiefer einzudringen: in den Schnee, ein Schlafzimmer oder die Bilder auf einem alten Videotape.

Die Schönheit von Pálmasons Debüt liegt nicht in der Dramatisierung eines Ausbruchs oder im Exzess des Rausches. Sie liegt nicht in der Dramaturgie, in einer Entwicklung der Figur. Sie liegt vielmehr in einem alchemistischen Akt, der das Helle spontan ins Dunkle umwandelt und umgekehrt. Am Ende wird Emil, der Brauer, den klaren Inhalt einer Flasche schwarz färben und der Film in den Stollen zurückkehren, in dessen ewiger Nacht noch immer die Sterne tanzen. (Philipp Stadelmaier)



Content Notes: Winter Brothers enthält Darstellungen von Gewalt sowie psychischer Belastung  

Regie: Hlynur Pálmason
Buch: Hlynur Pálmason
Darsteller:innen: Elliott Crosset Hove, Simon Sears, Vic Carmen Sonne, Lars Mikkelsen, Peter Plaugborg
Kamera: Maria von Hausswolff
Schnitt: Julius Krebs Damsbo
Originalton: Hans Christian Arnt Torp
Musik: Toke Brorson Odin
Sounddesign: Lars Halvorsen
Szenenbild: Gustav Pontoppidan
Kostüm: Nina Grønlund
Produzent:innen: Julie Waltersdorph Hansen, Per Damgaard Hansen, Hlynur Pálmason
Produktion: Masterplan Pictures (DK)
Koproduktion: Join Motion Pictures (IS), New Danish Screen (DK)
Weltvertrieb: New Europe Film Sales
Uraufführung: Locarno Film Festival Wettbewerb 2017

 

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