Diagonale
Festival des österreichischen Films
16.–21. März 2021, Graz

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Bora – Geschichten eines Windes
Dokumentarfilm, AT 2019, Farbe, 89 min., 25.3. OmeU / 28.3. OmdU
Diagonale 2020

Regie, Kamera: Bernhard Pötscher
Buch: Bernard Pötscher Bernadette Weigel
Schnitt: Daniel Pöhacker
Originalton: Atanas Tcholakov, Tong Zhang, Pavel Cuzuioc
Musik: Oto Lechner
Sounddesign: Lenja Gathmann
Produzent/innen: Bernhard Pötscher
Produktion: Bernhard Pötscher Filmproduktion

 

Diagonale’20 – Die Unvollendete. Die Diagonale’20 wurde aufgrund der behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 abgesagt.

Im kroatischen Küstenstädtchen Senj leben die Menschen seit jeher mit dem gewaltigen Fallwind Bora, der mit Geschwindigkeiten von mehr als 200 km/h schnell lebensbedrohlich werden kann. Während die Alten vor allem die Gefahren der Bora kennen, jagt das Storm Chasing Team Senj nach den schnellsten Böen – das Wetterphänomen wird zur Generationenfrage. „Die heftigste Bora ist eine Symphonie“, heißt es. Sie erzählt von einem Land, seinem Alltag und seiner Geschichte.

Unheimliche Erzählungen ranken sich um die Bora, einen Fallwind, der mit Geschwindigkeiten von mehr als 200 km/h an die großen Hurrikans heranreicht. Im kroatischen Küstenstädtchen Senj leben die Menschen seit jeher mit dem imposanten Wetterphänomen – und wissen, was ihnen blühen kann, wenn sie bei Aufkommen des Windes mit ihren Fischerbötchen noch immer auf der Adria treiben. Das Schreckensszenario eines Fischers, der mehrere Stunden im Wasser gegen das Ertrinken ankämpfte, ist Teil von Bernhard Pötschers Dokumentarfilm Bora – Geschichten eines Windes, genauso wie seine Warnung: „Ich kann nur allen raten, den Wetterbericht zu verfolgen, um nicht das zu erleben, was ich erlebt habe. Sie kommt, sie verarscht dich einfach! Schluss!“ Auch vom Schicksal einer Familie, die, von der Bora und sinkenden Temperaturen überrascht, die Orientierung verlor, ist zu hören. Es sind die alten Männer, die derlei Kunde verbreiten. Und sie kennen Gedichte und Lieder, in denen die Bora einen prominenten Platz einnimmt: „Die heftigste Bora ist eine Symphonie“, heißt es da in einer Zeile. Symphonie, weil der Wind wie alle Instrumente klingen kann.
Die Jüngeren erleben die Naturgewalt indes als Nervenkitzel – das Storm Chasing Team Senj etwa misst die stärksten Böen und stemmt sich auch schon mal in der Waagerechten gegen die Luftmassen. Einer, der den Sturm fotografiert, sagt: „Wenn ich das nicht machen würde, würde ich verrückt werden. Es gibt nichts anderes zu tun.“ Er stimmt damit in die Klagen der Alten ein, die berichten, mit den Löhnen in Kroatien sei kein normales Leben mehr möglich. Resultat: Die Jungen verschwinden mit Bussen in jenen Norden, aus dem die Bora kommt.
Es ist ein scharfer Kontrast, den Pötscher zwischen den Generationen aufbaut. Abgesehen vom Storm Chasing Team Senj, das im Wind nach Thrill sucht, gibt es im Film eine lange Kamerafahrt: Sie führt über die Köpfe von Partygästen, die ihre nur von Badebekleidung bedeckten Körper zur Musik wiegen. Kroatien bedeutet hier Urlaub, der Wind ist höchstens Behelfsmittel für interessantere Selfies. Die Bora weht im wahrsten Sinne über eine Oberfläche hinweg. Doch die Alten wissen, dass sich unter dieser noch Hinweise auf Kriege, etwa in Form von Splittern aus dem Kroatienkrieg, befinden. Die hat jedoch nicht die Bora gebracht – sondern der Mensch.
(Katalogtext, cw)