Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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Frankfurt Kaiserstraße
Spielfilm, BRD 1981, Farbe, 87 min., OmeU
Diagonale 2020

Regie: Roger Fritz
Buch: Georg Ensor
Darsteller/innen: Michaela Karger, Dave Belko, Hanno Pöschl, Ute Zielinski, Kurt Raab u. a.
Kamera: Ernst W. Kalinke, Fritz Baader
Schnitt: Karl Aulitzky
Musik: Asha Puthli
Produzent/innen: Fred Zenker

 

Die 17-jährige Susanne hat das Landleben gehörig satt und folgt ihrem Freund in die Fänge der Großstadt: Dort kommt sie bei ihrem Onkel unter, der gemeinsam mit seinem Freund auf der verruchtesten Meile Frankfurts einen Blumenladen führt. Schon bald gerät sie in die Fänge des Wiener Unterweltkönigs Johnny (Hanno Pöschl) … Roger Fritz erzählt die Liebesgeschichte zweier Jugendlicher in einer Gesellschaft, in der jene, die unten sind, zusammenhalten müssen. Impressionen aus den verborgenen Ecken der österreichischen Metropole zeigt Hans Scheugls Prince of Peace, der als Vorfilm zu sehen ist.

Die 17-jährige Susanne hat das Landleben gehörig satt, und als ihr Freund Rolf zur Bundeswehr nach Frankfurt einberufen wird, packt auch sie ihre Sachen und begibt sich in die Großstadt. Dort kommt sie bei ihrem Onkel unter, der gemeinsam mit seinem Freund auf der verruchtesten Meile Frankfurts einen Blumenladen führt. Schon bald gerät sie in die Fänge des Wiener Unterweltkönigs Johnny (Hanno Pöschl).
Anfang der 1980er-Jahre entstehen bei Lisa-Film mehrere Produktionen, die von den gängigen Mustern dieses Hauses abweichen. Frankfurt Kaiserstraße ist einer dieser Filme. Ursprünglich als „klassischer“ Lisa- Stoff geplant, ändert sich mit der Verpflichtung von Roger Fritz als Regisseur die Tonalität des Projekts. Der Film ist in vielerlei Hinsicht sorgfältiger, genauer und – trotz seiner „exploitativen“ Momente – stets seinen Figuren verpflichtet. Das Schöne daran ist, wie Fritz das Milieu und die Kaiserstraße, damals ein „wildes Pflaster“, schildert: Es ist eine Gesellschaft, in der jene, die unten sind, am meisten zusammenhalten, während nach oben hin Kämpfe und Rivalitäten zunehmen. Die wirklichen Kriminellen, das zeigt der Film zum Schluss eindrucksvoll, sitzen ohnehin ganz woanders, abgeschottet vom Geruch der Straße.
Man kommt nicht umhin, die Präsenz Hanno Pöschls zu bestaunen, der wieder einmal in seiner Paraderolle als Strizzi und Zuhälter zu sehen ist. Was den Wiener Johnny nach Frankfurt verschlagen hat, wer weiß es schon (vielleicht wieder nur eine Entscheidung von ganz oben)? Mit seinem unverkennbaren Idiom und seinem Schmäh wirkt er unter all den Deutschen gleich noch einmal bedrohlicher. Einmal zweckentfremdet er sogar ein Stück Würfelzucker auf für eine seiner Prostituierten überaus schmerzhafte Art und Weise. Die meiste Zeit cruist er in schickem Anzug und noch schickerem Auto wie ein moderner Sheriff durch sein Revier, flankiert von zwei Helferlein. Johnnys Gegenspieler ist, wie könnte es anders sein, Italiener, hört auf den Namen Aldo und betreibt einen Nachtclub. In diesem kellnert die resche Kris, die zufälligerweise auch in der Kaserne, in der Rolf seinen Dienst am Vaterland tut, für Biernachschub sorgt. Mit ihrer direkten Art und ihrem schweren Motorrad ist sie ein Hingucker für die Soldaten – und hier schließt sich gewissermaßen der Kreis um die Hauptpersonen und ihre Beziehungen untereinander.
Ein weiteres Highlight dieses kleinen Kunstwerks ist Kurt Raab als Susannes tuntiger Onkel Ossi. Es wäre, gerade zur Entstehungszeit und im Kontext des Films, ein besonders Leichtes gewesen, diese Figur der Lächerlichkeit preiszugeben. Natürlich gibt es Gelegenheiten, mit ihm und über ihn zu lachen, doch Fassbinder-Regular Kurt Raab vermag es, Ossi mit besonderer Würde und Verve zu verkörpern: Nicht nur sein Auftritt als Chansonnier in einem Nachtlokal ist phänomenal, sondern auch mit welcher Beherztheit er für seine kellnernde Nichte eintritt, die von einigen Typen belästigt wird! Überhaupt scheint sein Blumenladen inmitten des Sündenpfuhls ein kleines Paradies zu sein, in dem Prostituierte gern zum Kaffee willkommen sind, etwa um sich zwischen zwei Freiern zu erholen, und wo schon mal schwungvoll getanzt wird. Discofans kommen bei diesem Film jedenfalls absolut auf ihre Kosten. Frankfurt Kaiserstraße ist ein echtes Kleinod, eine Entdeckung und eine Empfehlung. Jede Stadt ist nur so gut wie die Menschen, die sie bewohnen.
(Katalogtext, Florian Widegger)