Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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SOLO
Dokumentarfilm, CZ/FR/AR/AT 2019, Farbe, 84 min., OmeU
Diagonale 2020

Regie, Buch: Artemio Benki
Kamera: Diego Mendizabal
Schnitt: Valeria Racioppi, Jeanne Oberson
Originalton: Pablo Girosa, Pablo Bustamante, Miguel Tennina, Sebastian Lipsik
Musik: Martin Perino
Weitere Credits: Tonschnitt: Benjamin Rosier
Tonmischung: Oliver Do Huu
Produzent/innen: Artemio Benki, Petra Oplatkova, Rebecca Houzel, Sergio Luciano Prá, Nicolas Tuozzo, Arash T. Riahi, Sabine Gruber, Karin Berger
Produktion: Golden Girls Filmproduktion
Koproduktion: ARTCAM Films (CZ), LomoCine (AR), Petit à Petit (FR), Buen Destino (AR)

 

Diagonale’20 – Die Unvollendete. Die Diagonale’20 wurde aufgrund der behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 abgesagt.

Einst hielt man in Südamerika große Stücke auf den Klaviervirtuosen Martín Perino. Doch während der Arbeit an seiner ersten eigenen Komposition kommt es zum Zusammenbruch – Perino weist sich selbst in die psychiatrische Klinik El Borda ein. Die Diagnose: Schizophrenie. Hier trifft ihn Artemio Benki und beschließt, Perino auf seinem Weg zu begleiten. Entstanden ist das unsentimentale Zeugnis eines Mannes, der sich schrittweise wieder an die Öffentlichkeit wagt.

Martín Perinos Augen werden erst nach und nach sichtbar. Im ersten Teil von Artemio Benkis SOLO sind sie so klein, dass sie nur zu erahnen sind. Vielleicht weil Perino seine Aufmerksamkeit nach innen richtet. Er schaut in eine Welt, die Außenstehenden verborgen bleibt. Benki begegnet dem jungen Pianisten im Krankenhaus El Borda, einer speziellen Einrichtung für psychisch Erkrankte in Buenos Aires. In diese hatte sich Perino einige Jahre zuvor selbst eingewiesen, als es während der Arbeit an eigenen Kompositionen zur mentalen Krise gekommen war. Ärzte diagnostizierten Schizophrenie. Artemio Benki trifft Perino 2014 eher zufällig in El Borda. Er beschließt, den Hochbegabten, dessen virtuoses Klavierspiel durch die Räume dringt, zu begleiten. Bereits als Kind hatte der 1984 Geborene aufgrund seines Talents am Klavier landesweit Aufmerksamkeit erfahren, man versprach sich viel von ihm. Heute spricht er mit seinem Therapeuten über die empfundene Fragmentierung, die Herausforderung, Einsamkeit zu akzeptieren, und eine internalisierte Strenge, die er wohl von seiner Mutter, ebenfalls Pianistin, mitbekommen haben muss. Martín Perinos Situation ist nicht ungefährlich. Zur Verdeutlichung nimmt der Therapeut eine Puppe mit Frauengesicht hervor und dreht ihre Perücke von hinten nach vorn: Zum Vorschein kommt ein Totenkopf. Szenen, die Benki unkommentiert lässt. SOLO greift nicht ein, konfrontiert nicht. Die in Cannes uraufgeführte Koproduktion – der erste lange Dokumentarfilm des seit den 1990er-Jahren in Prag lebenden Franzosen – vertraut auf die Macht der Beobachtung. Und häufig wirkt es tatsächlich so, als wäre niemand außer Perino überhaupt anwesend. Allein in seiner dunklen Küche sitzend, die Pillen aus ihrer Verpackung drückend und eine Zigarette nach der anderen verschlingend, scheint er jegliche Verbindung zum Leben gekappt zu haben. Doch SOLO ist kein filmisches Zeugnis eines Gescheiterten. Langsam kehrt die Energie in Martín Perino zurück, die sich immer stärker auch als waschechte Exzentrik erweist. Es wird an neuen Stücken gearbeitet, und eine Tänzerin, die über all die Jahre nicht von seiner Seite gewichen war, wiegt sich zu seinem Spiel. Zu jenen Kreationen, die ihn wie aus dem Nichts erfassen und dann wieder verlassen. Andere entstammen dem Chaos. Perino spielt aus einem physischen Bedürfnis heraus, das zugleich die Korsage, in die er sich viel zu lang hat einsperren lassen, zu lockern, wenn nicht gar zu lösen vermag. SOLO zeigt einen fragilen und zugleich fähigen Menschen, der sich erneut einer Öffentlichkeit zuzuwenden sucht. Kleinere Enttäuschungen bleiben dabei nicht aus. Aber sie werden von der Wirkung kompensiert, die Martín Perinos Kunst noch immer bei seinen Hörer/innen auslöst.
(Katalogtext, cw)