Diagonale
Festival des österreichischen Films
16.–21. März 2021, Graz

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Die Revolution frisst ihre Kinder!
Spielfilm, AT/BF 2019, Farbe, 75 min., OmeU
Diagonale 2020

Regie: Jan-Christoph Gockel
Kamera: Eike Zuleeg
Schnitt: Eike Zuleeg
Weitere Credits: Produktionsleitung: Jennifer Weiss
Produzent/innen: Iris Laufenberg
Produktion: Schauspielhaus Graz

 

Diagonale’20 – Die Unvollendete. Die Diagonale’20 wurde aufgrund der behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 abgesagt.

Die Theaterregisseurin Julia Gräfner reist mit ihrem Ensemble nach Burkina Faso, um dort „Dantons Tod“ aufzuführen. Jan-Christoph Gockel siedelt die Ereignisse für seinen Film kurz vor dem Volksaufstand 2014 an, den er selbst miterlebte. Als die Proteste anschwellen, verfällt Gräfner der Wahnvorstellung, dass sie als Theatermacherin die politischen Unruhen eingeleitet hat. Satire und Realität sind in dieser halbfiktionalen Mockumentary kaum unterscheidbar.

Jan-Christoph Gockel konzipierte sein Stück „Die Revolution frisst ihre Kinder!“ einmal für die Bühne und einmal als Film. Mit dem Kameramann Eike Zuleeg begleitet er eine Theatergruppe des Schauspielhaus Graz, die dorthin reist, wo einst Christoph Schlingensief sein Operndorf gründete, um das Theater als wirksames Organ des gesellschaftlichen Lebens – und als Mittel der politischen Erneuerung – zu bestärken: nach Ouagadougou, die Hauptstadt von Burkina Faso.
Geleitet von der preisgekrönten Theaterregisseurin Julia Gräfner (gespielt von der großartigen Julia Gräfner), die mit dem Projekt primär ihrer eigenen künstlerischen Lähmung zu entkommen sucht, will das Ensemble dort Georg Büchners „Dantons Tod“ zur Aufführung bringen. Der missionarische Gedanke ist Leitbild: Man sieht sich als Überbringer eines „Dialogangebots“ für das Burkinabè-Publikum. Mittels Marionetten plant man, den Menschen das Prinzip Demokratie zu erklären. Fädenziehen und so.
Satire und Realität sind in dieser halbfiktionalen Mockumentary von Anfang an nicht unterscheidbar, und dass man nie genau weiß, ob das nun gut ist oder schlecht, Absicht oder nicht, ist eine der wichtigsten Leistungen dieses Films. Denn natürlich lauern auf jeder Ebene des Unterfangens exakt jene Fallen, die der sogenannte postkoloniale Diskurs bei einem solchen „europäisch-afrikanischen Brückenschlag“ offeriert. Gockel verschränkt die Biografien der Darsteller/innen mit den Biografien der Figuren, die sie spielen. Zahnradgleich greifen Puppenspiel und Film ineinander, Dokumentation und Fiktion, improvisierte und geskriptete Szenen.
Zeitpunkt der Ereignisse ist kurz vor dem Volksaufstand 2014, den Gockel selbst miterlebte. Damals wurde der Diktator Blaise Compaoré gestürzt, der 1987 mutmaßlich durch die von ihm beauftragte Ermordung des Präsidenten Thomas Sankara an die Macht gelangt war.
Nach einem ersten Straßenauftritt in Ouagadougou verwirft Gräfner ihr ursprüngliches Konzept, das Ensemble stürzt in eine tiefe Krise. Bis Puppenspieler Michael Pietsch mit Marionettenbauern vor Ort eine Thomas-Sankara-Figur anfertigt. Als er damit durch die Straßen wandert, leitet er ganz nebenbei den Aufstand ein, und Gräfner verfällt in einen inszenatorischen Wahn. Als die Proteste in Ouagadougou schließlich ihren Höhepunkt erreichen, kulminiert ihr Narzissmus. In ihrer Unfähigkeit, sich einmal nicht im Zentrum des Geschehens zu sehen, schreibt sie (die Europäerin) bereits die Geschichte: Diese Revolution ist ihr Verdienst. Doch dann werden die Landesgrenzen geschlossen, die Truppe sitzt fest. Längst sind Gräfners Begleiter/innen ihr nicht mehr wohlgesonnen. Es kommt zum Showdown.
(Katalogtext, az)