Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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DIE DOHNAL Frauenministerin / Feministin / Visionärin
Dokumentarfilm, AT 2019, Farbe, 104 min., OmeU
Diagonale 2020

Regie, Buch: Sabine Derflinger
Kamera: Christine A. Maier, Eva Testor
Schnitt: Niki Mossböck
Originalton: Andreas Hamza, Georg Misch, Axel Traun, Hjalti Bager-Jonathansson
Produzent/innen: Sabine Derflinger, Claudia Wohlgenannt
Produktion: Plan C Filmproduktion
Koproduktion: Derflinger Filmproduktion

 

Diagonale’20 – Die Unvollendete. Die Diagonale’20 wurde aufgrund der behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 abgesagt.

In Österreich wäre die Lage der Frauen eine andere, hätte es Johanna Dohnal nicht gegeben. Von 1979 bis 1995 Staatssekretärin für allgemeine Frauenfragen in der Bundesregierung, schob sie moderne Frauenpolitik gegen alle Widerstände an. Sabine Derflinger zeichnet in ihrem vielgestaltigen Porträt Dohnals Wirken nach und greift hierfür auf Archivmaterial sowie auf zahllose Interviews mit Wegbegleiterinnen und geistigen Erbinnen zurück.

Auf den Bildern der Fotografin Elfie Semotan schaut Johanna Dohnal selbstbewusst, burschikos, frech. Eine Zigarette zwischen den Lippen, den wachen Blick der Kamera zugewandt. Das seien die schönsten Aufnahmen von Johanna, meint Annemarie Aufreiter, die mit ihr zusammengelebt hat – nicht verdeckt, aber auch nicht öffentlich. Dabei war Johanna Dohnal aus der österreichischen Öffentlichkeit viele Jahre kaum wegzudenken. 1979 von Bundeskanzler Bruno Kreisky zur Staatssekretärin für allgemeine Frauenfragen in die Bundesregierung berufen, gestaltete sie wesentliche Entwicklungen moderner Frauenpolitik. 1990 wurde sie in der Regierung Franz Vranitzkys Österreichs erste Frauenministerin. Ihr ist es zu verdanken, dass in Wien das erste Frauenhaus eröffnen konnte, Vergewaltigungen in der Ehe heute das gleiche Strafmaß erfahren wie solche außerhalb, Väter Karenzzeiten nehmen können. Dennoch, auch das wird in Sabine Derflingers vielgestaltigem Porträt DIE DOHNAL deutlich, mussten sich viele junge Frauen das Wissen um eine ihrer stärksten Fürsprecherinnen erst erarbeiten – laut schulischen Lehrplänen hat es eine wie sie, jene „Frauenministerin, Feministin, Visionärin“, wie Derflinger ihren Filmtitel vervollständigt, nie gegeben.
Vielleicht saß bei vielen der „kalkulierte Schock“, der Johanna Dohnals Betreten der großen Bühne Ende der 1970er-Jahre bedeutete, einfach zu tief. Zeitlebens hatte die Politikerin mit heftigen Anfeindungen zu kämpfen. Teils so stark, so unappetitlich, dass es zu körperlichen Reaktionen kam. Nach einer Konfrontation im Rahmen einer Parlamentsdebatte musste Dohnal sich einmal erbrechen, erzählt Aufreiter. Nach außen präsentierte sich Dohnal derweil sachlich und eloquent, medialen Fallen begegnete sie gefasst. Ein Leben an der „trüben Quelle“, wie eine Fernsehmoderatorin einst formulierte. Schmutzige Gewässer, die für die verschiedenen Regierungen stehen können, die Dohnal bis zu ihrem politischen Ausscheiden 1995 durchwatete. Oder für den Inhalt tausender Gespräche und Briefe, mittels derer Frauen aus ganz Österreich sich Johanna Dohnal anvertrauten, ihre Situation schilderten, ihr Leid klagten, nach Hilfe verlangten. Eine verdichtete Gesamtlage, persönlich wie professionell, die Geri Schuller wiederum in enervierende musikalische Kompositionen übersetzt. Sie begleiten die aufscheinenden Texttafeln des Films und vermitteln genau das: permanenten Stress. Ohne den ging es nicht. Johanna Dohnal hat ihn – für alle Frauen – gerne ertragen.
(Katalogtext, cw)