Diagonale
Festival des österreichischen Films
16.–21. März 2021, Graz

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Nobadi
Spielfilm, AT 2019, Farbe, 89 min., OmdU
Diagonale 2020

Regie, Buch: Karl Markovics
Darsteller/innen: Heinz Trixner, Borhanulddin Hassan Zadeh, Maria Fliri, Konstanze Dutzi, Julia Schranz, Edi Jäger, Sven Sorring, Simone Fuith
Kamera: Serafin Spitzer
Schnitt: Alarich Lenz
Originalton: William Edouard Franck
Musik: Matthias Loibner
Sounddesign: Philipp Mosser
Szenenbild: Andreas Sobotka
Kostüm: Caterina Czepek
Produzent/innen: Dieter Pochlatko, Jakob Pochlatko
Produktion: epo-film

 

Diagonale’20 – Die Unvollendete. Die Diagonale’20 wurde aufgrund der behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 abgesagt.

Karl Markovics’ dritter Spielfilm erzählt von der schicksalhaften Begegnung zweier ungleicher Männer, eines jungen afghanischen Geflüchteten und eines vermeintlich harmlosen Pensionisten. In einem kammerspielartigen, zunehmend kompromisslosen Szenario verknüpft Nobadi vergangene und gegenwärtige Traumata. Die Eskalationsstufe ist schockierend. Ironie oder nicht: Die Zukunft erscheint wenig hoffnungsvoll.

„Zukunft“ steht auf dem Schild über dem Tor der Wiener Kleingartensiedlung, in der Karl Markovics’ dritter Spielfilm Nobadi hauptsächlich spielt. Sie ist zu dieser Jahreszeit ein trostloser Ort ohne Leben, jede Parzelle streng abgezäunt und von der Außenwelt abgeriegelt. Hier wohnt der 93-jährige Heinrich, einst SS-Soldat und jetzt cholerischer und eigenbrötlerischer Rentner. Als sein Hund verstirbt, gerät seine Welt aus den Fugen. Kurzerhand engagiert er Adib, einen afghanischen Geflüchteten, um ein Grab in seinem Garten auszuheben. Zunächst muss dieser zu einem mickrigen Stundenlohn von drei Euro allerhand Erniedrigungen und Anschuldigungen einstecken, doch als sich eine Wunde an Adibs Fuß entzündet, wendet sich das Geschehen.
Kammerspielartig entfaltet der Film sein so überraschendes wie drastisches Szenario, in dem die beiden ungleichen Männer an einem Tag und in einer Nacht zusammenfinden und aneinandergeraten. Schonungs- und schnörkellos und mit eindringlichen Hauptdarstellern erzählt Nobadi eine Geschichte, die sich um Schuld, Sühne, Opfer, Täter und fehlgeleitete Reue dreht. Unterschiedlicher könnten die Protagonisten nicht sein: ein einsamer alter Mann, misstrauisch und voller Vorurteile, aber mit Schuldgefühlen beladen, die gelegentlich Menschlichkeit durchblitzen lassen. Sein Gegenüber ist ein junger Mann, der Schmerz und Leid ertragen musste und bereit ist für einen Neubeginn in einem fremden Land.
Wie der Filmtitel schon andeutet, gleicht Adib einem modernen Odysseus: „Nobadi“ wurde ihm im afghanischen Lager auf den Arm tätowiert – ein Name, der an die berühmte List des Seefahrers erinnert, der sich beim Zyklopen Polyphem als „Niemand“ ausgab. Im Verlauf des Films wird der Geflüchtete zunehmend zum realen und symbolischen Opfer Heinrichs, der sich seiner annimmt. Die Demütigungen schlagen in zwanghafte, skrupellose Hilfsbereitschaft um, und der Rentner macht es sich zur Aufgabe, dem jungen Afghanen das Leben zu retten. Erschütternd kompromisslos verknüpft Markovics in seinem dritten Spielfilm Nobadi die beiden Themenkomplexe Flucht und nationalsozialistische Verbrechen, wobei die Rollen der Gegenwart von der Vergangenheit bestimmt werden. Die Eskalationsstufe im Film ist schockierend. Ironie oder nicht: Die Zukunft erscheint wenig hoffnungsvoll.
(Katalogtext, ast)