Diagonale
Festival des österreichischen Films
5.–10. April 2022, Graz

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hildegart oder projekt: superwoman
Dokumentarfilm, AT 2016, Farbe+SW, 82 min., OmdU
Diagonale 2016

Regie, Buch: Barbara Caspar
Kamera: Sergio Deustua Jochamowitz, Enzo Brandner
Schnitt: Andrea Unterweger, Alexandra Schneider
Musik: Roland Hackl
Sounddesign: Sebastian Watzinger
Weitere Credits: Charakterillustrationen: Jörg Vogeltanz, Animation: Sergio Deustua-Jochamowitz, MIT: Josephine Witt (Femen Aktivistin, D), Irina Kkanova (Femen Aktivistin, D), Lara Alcázar Miranda (Femen Aktivistin, ESP) u.a.
Produzent*innen: Barbara Caspar (fragile features), Tommy Pridnig, Peter Wirthensohn (Lotus Film)
Produktion: fragile features
Koproduktion: Lotus Film

 

Aurora Rodríguez widmet ihr Leben der „Züchtung“ einer Superfrau: Ihre Tochter Hildegart dressiert sie zum intellektuellen Wunderkind und zur angesehenen Feministin. Als sich die 17-Jährige jedoch von ihrer Mutter zu emanzipieren beginnt, sieht diese ihr „Lebenswerk“ als gescheitert und erschießt die Tochter. Ein wahrer historischer Fall, der entlang von Interviews mit feministischen Aktivistinnen der Gegenwart in aktuelle Diskurse über Weiblichkeit und Mütterlichkeit überführt wird.

„Es war die ernsteste, bedeutsamste und schmerzhafteste Entscheidung meines Lebens. Aber ich musste es tun. Ich musste von meinen Gefühlen als Mutter und als Frau absehen, und das habe ich getan.“ Barbara Caspars Film widmet sich Aurora Rodríguez, einer spanischen Medea, die 1933 ihre 17-jährige Tochter Hildegart erschießt. Aurora, der weder mütterliche Zuneigung noch Bildung zuteil wurde, ist eine Vorreiterin feministischer Emanzipationsbewegungen in Spanien. Sie glorifiziert die Ratio – verachtet jedoch ihre Weiblichkeit. Orientiert an eugenischen Konzepten widmet sie ihr Leben der „Züchtung“ einer feministischen Superheldin, die ihre ideologische Überzeugung verbreiten und durchsetzen soll: Hildegart wird unehelich geboren und von ihrer körper- und sinnesfeindlichen Mutter zum intellektuellen Wunderkind dressiert. Mit 17 ist sie eine anerkannte Freiheitsdenkerin. Als sie jedoch beginnt, ihre eigenen Wünsche, Weltanschauungen und sexuellen Begierden zu entwickeln und die symbiotische Beziehung zur Mutter auflösen will, erachtet diese ihr „Lebenswerk“ als gescheitert – und tötet ihre Tochter.
Die Tragödie narzisstisch-totalitärer Mutterschaft und der Beziehung zwischen Aurora und Hildegart wird durch Zeichnungen und Animationen illustriert. Interviews mit feministischen Persönlichkeiten der Gegenwart (prominent im Bild: Femen-Aktivistinnen aus Deutschland und Spanien) überführen den historischen Fall in aktuelle Diskurse über Weiblichkeit und Mütterlichkeit. Ohne eine widerspruchsfreie Kontinuität zwischen den Generationen feministischen Denkens zu behaupten weist der Film vermeintlich jungen Diskursen einen Ort in der Geschichte zu.
(Katalogtext, mk)

fragilefeatures.com, lotus-film.at, waystonefilm.com

Mutter-Tochter-Beziehungen sind schon öfter im Film abgehandelt worden, aber dieses Projekt ist wirklich herausragend. Der Wahn einer Mutter, ihre Tochter als nichts anderes als der Mutter eigenes Spiegelbild zu sehen und für die eigenen unerfüllten Wünsche und den eigenen unerfüllten Ehrgeiz zu missbrauchen (eine Art von Missbrauch, die viel zu selten thematisiert wird), und die Leidenschaft, mit der diese Art von Mutter-„Liebe“ die Tochter daran hindert, ihren eigenen Weg zu finden und sich aus dieser Prägung, dieser Abhängigkeit von der Mutter zu befreien (was naturgemäß im Wunsch der Mutter mündet, sich einen Menschen vollkommen gefügig zu machen, zum Werkzeug eigener Wünsche, die nie erfüllt worden sind), dies alles wird in diesem Film in meinen Augen einzigartig dargestellt.
(Elfriede Jelinek)