Diagonale
Festival des österreichischen Films
16.–21. März 2021, Graz

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Wie die anderen
Dokumentarfilm, AT 2015, Farbe, 95 min., OmeU
Diagonale 2015

Regie, Buch: Constantin Wulff
Kamera: Johannes Hammel
Schnitt: Dieter Pichler
Originalton: Claus Benischke, Andreas Hamza, Klaus Kellermann
Sounddesign: Andreas Hamza
Produzent/innen: Johannes Rosenberger
Produktion: Navigator Film

 

Das niederösterreichische Landesklinikum Tulln: Im Stil des Direct Cinema nähert sich Constantin Wulff dem routinierten, jedoch von sozialer Wärme und Empathie geprägten Alltag in der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie an. Beobachtend, niemals intervenierend fokussiert er individuelle Schicksale und Krisensituationen, erzählt von Hoffnung, couragierten Hilfestellungen und deren Grenzen. Es ist ein unkonventioneller, weil unaufgeregter Blick auf das medial aufgeladene Thema Psychiatrie. Praxisnah, empathisch und fern jeder Wertung.
www.navigatorfilm.com, www.stadtkinowien.at

Katalogtext Diagonale 2015:
„Alle fragen sich, warum ich so seltsam bin“, artikuliert ein Junge seine Sorgen im niederösterreichischen Landesklinikum Tulln. Was wie ein Interview anmutet, ist in Wirklichkeit ein psychologischer Test. Constantin Wulff rückt die Abteilung für Kinder­ und Jugendpsychiatrie in den Fokus. Ohne Fragen zu stellen oder Handlungsanweisungen zu geben taucht er im Stil des Direct Cinema in die Kühle der Krankenhausgänge und -zimmer ein und dokumentiert einen Alltag, der beinahe gegen­ gleich zu dieser Sterilität von sozialer Wärme und Empathie geprägt ist. Geduldig, mitunter aufopfernd sucht das ärztliche Personal den diversen Bedürfnissen der jungen Patient/innen nachzukommen. Dabei wird eines augenscheinlich: Es gibt sie nicht, die eine Behandlungsmethode. Vom klassischen Gespräch über Lege- und Klangexperimente bis hin zur Handhabung praktischer Alltagsaufgaben begleitet Wulff eine Vielzahl unterschiedlicher Therapiesitzungen und nähert sich mit respektvollem Abstand den krisenhaften Lebenssituatio­nen der Kinder und Jugendlichen an. Einige von ihnen haben schon mehr erlebt, als vorstellbar ist: Bulimie, Autodestrukti­ vität und Fälle von (sexuellem) Missbrauch werden in Tulln tagtäglich verhandelt. Gänzlich ohne Musik oder Begleitkom­mentar – beobachtend, jedoch niemals intervenierend – widmet sich Wie die anderen diesen Schicksalen (sowie dem übergreifenden und medial aufgeladenen Thema Psychiatrie) auf unkonventionelle, weil unaufgeregte Art und Weise.

Vieles artikuliert sich in diesem Prozess notgedrungen wortlos. Immer wieder fokussiert die Kamera also Blicke und Gesten: den Stolz einer Patientin angesichts verbesserter Blutwerte, die Verzweiflung der Ärzte/innen, denen trotz Missbrauchs­ verdachts keine weiteren Maßnahmen erlaubt sind, den Frust über mangelndes Personal und damit einhergehende Pflege­engpässe. Tatsächlich zählt die arbeitsinterne Besprechung zu einer der erhellendsten Szenen im Film. Nicht zuletzt entscheiden die bürokratischen Rahmenbedingungen über Therapie und Zukunft jener Personen, die auf diesem Weg zurück ins selbstbestimmte Leben streben. (sh)