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Moos auf den Steinen
Spielfilm, AT 1968, Schwarzweiß, 80 min., dOF
Diagonale 2023

Regie: Georg Lhotsky
Buch: Georg Lhotsky, frei nach dem gleichnamigen Roman von Gerhard Fritsch
Darsteller:innen: Erika Pluhar, Heinz Trixner, Louis Ries, Johannes Schauer, Wilfried Zeller-Zellenberg, Fritz Muliar
Kamera: Walter Kindler, Kurt Junek
Schnitt: Irene Tomschik, Lotte Klimitschek
Musik: Friedrich Gulda
Produktion: West-Film

 

Ein verfallenes Schloss im Marchfeld: Über ihre unterschiedlichen Lebensstandpunkte verstricken sich der Literat Petrik und der geschäftstüchtige Mehlmann in Grundsatzdiskussionen über den Status quo in Österreich, jene Kräfte, die in ihm wirksam sind und die sich in den Schlossbewohner*innen, allen voran Erika Pluhar in ihrem Kinodebüt als junge Baronesse Julia, manifestieren. Heimatfilm und Zuckerlkino waren gestern – hier kommt die österreichische Kinomoderne!

Der idealistische Literat Petrik und der geschäftstüchtige Hansdampf in allen Gassen Mehlmann kommen für ein Wochenende in einem verfallenenSchloss im Marchfeld zusammen. Über ihre unterschiedlichen Lebensstandpunkte verstricken sich die in befreundeter Feindschaft verbundenen Männer in Grundsatzdiskussionen über den Status quo in Österreich, jene Kräfte, die in ihm wirksam sind und die sich in den Schlossbewohner*innen, allen voran Erika Pluhar in ihrem Kinodebüt als junge Baronesse Julia, manifestieren.
„Mit seinem ersten Spielfilm hat Georg Lhotsky ein Werk von einer individuellen Prägung geschaffen, das überrascht“, schreibt die „Neue Zürcher Zeitung“ 1968, als Moos auf den Steinen erscheint und so ganz anders ist, als man es vom österreichischen Kino in den 1960er-Jahren gewohnt ist. Dieses befindet sich durch Misswirtschaft und Fehlkalkulationen am Boden, das Publikum ist der immer gleichen Heimat-, Komödien- und Musikfilme überdrüssig. Moos auf den Steinen überrascht insofern, als dieser radikal mit Sehgewohnheiten bricht und sich an den großen Werken der Kinomoderne orientiert: Das labyrinthartige Schloss erinnert an Resnais’ Letztes Jahr in Marienbad, die pointierte Figurenzeichnung an Fellinis La Dolce Vita, das Gefühl der Entfremdung der*des Einzelnen an Antonionis Filme. Das hatte man hierzulande so noch nicht gesehen. Aus heutiger Sicht markiert Moos auf den Steinen, die Verfilmung von Gerhard Fritschs 1956 erschienenem umstrittenem Roman, eine Zäsur beziehungsweise nicht weniger als den Beginn des Neuen Österreichischen Films: Sie zeichnet sich durch eine besonders agile Kamera, viele Plansequenzen und eine für damalige Verhältnisse revolutionäre Tonarbeit aus – sprich durch eine Inszenierung, die für den Schmerz der Erinnerung, der dieser Geschichte zugrunde liegt, stets sinnbildliche Entsprechungen bereithält.
Überhaupt bildet die Dichotomie von Bewegung und Stillstand einen ganz zentralen Punkt im Film, wie Elisabeth Büttner und Christian Dewald in „Anschluss an Morgen“ bemerken: „Die Fahrt ins Marchfeld gleicht einem Wechsel der Zeitzonen. Das Betriebsame der Stadt gleitet langsam über in die gelassene, lakonische und etwas umständliche Welt der Dörfer. Das verfallene Schloss soll renoviert und in die Gegenwart geführt werden. Das Neue und das Alte entstammen verschiedenen Stilen, Traditionen und Rhythmen. Geschäftigkeit, die Lautstärke der Stimmen prallen von den modrigen Wänden des Schlosses und den Erinnerungen, die sie aufbewahren, ab. Seine Helden atmen den Geist der Vergangenheit, sind mit Galizien verwachsen, lieben das Moos, das auf den zerbröckelnden Mauern der längst vergangenen, aber immer noch präsenten Donaumonarchie wächst, das weiche Polster der Vergänglichkeit auf den Steinen, die nicht mehr Österreich sind.“
Nach einem ausgelassenen Kostümfest brechen Petrik (Heinz Trixner) und Julia (Erika Pluhar), die junge Baronesse, im Schlussakt frisch verliebt aus dem Schloss aus und fahren ausgerechnet Richtung Staatsgrenze, wo sie den Sonnenaufgang lachend und küssend erleben. Da, wo sich Beschränkungen am ehesten manifestieren, nimmt sich der Film ein Stück Freiheit, indem er kurz und sehnsuchtsvoll von Schwarz-Weiß auf Farbe wechselt. Zwar kehren die beiden noch zu den anderen zurück – und der Film wird wieder farblos –, doch es hat sich alles verändert. „Spielt’s Wirklichkeit, Kinder!“, lautet eine letzte Aufforderung des alten Barons im Schlussbild – was durchaus auch als Forderung nach mehr Realismus im Kino selbst gemeint war, die sich von nun an zögerlich, aber beständig erfüllte. Somit: ein Finale, dem der Hauch eines Neuanfangs innewohnt.
(Katalogtext, Florian Widegger)

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