Diagonale
Festival des österreichischen Films
8.–13. Juni 2021, Graz

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One More Step West Is the Sea: ruth weiss
Dokumentarfilm, AT 2021, Farbe, 94 min., eOmdU
Diagonale 2021

Regie, Buch, Sounddesign: Thomas Antonic
Darsteller*innen: ruth weiss, Hal Davis, Doug Lynner, Thomas Antonic, Estelle Cimino, Jack Hirschman, Dennis Kautsky Calabi, Rent Romus, Doug O’Connor, Tate Swindell, Karl Schoen, Butch Kwan, Laura Maione, Sojun Roshi, Mel Weitsman, Sutter Marin, Lori Lawyer, Paul Blake, Paul Wells, Canned Heat
Kamera: Thomas Antonic, Daria Tchapanova
Schnitt: Thomas Antonic, Sarah Earheart
Originalton: Thomas Antonic, Daria Tchapanova
Weitere Credits: Schnittassistenz, Color Grading, Sound Mix, Mastering: Anthony Jacobson Schnitt-Support: Robert Dassanowsky, Tate Swindell, Peggy Pacini Zusätzliche Tonaufnahmen: Tate Swindell, Rent Romus, Karl Schoen Titel: Sarah Earheart
Produzent*innen: Thomas Antonic, Robert Dassanowsky, Anthony Jacobson
Produktion: Perdurabo Film
Koproduktion: Belvedere Film (AT/US)

 

ruth weiss (1928–2020), die als Geste gegen jedwede Ordnungsmacht auf Großbuchstaben in ihrem Namen verzichtete, hat viele Bewunder/innen. In One More Step West Is the Sea: ruth weiss errichtet Thomas Antonic der Jazz-Poetry-Pionierin ein Denkmal, montiert ein anarchisches Porträt, entwirft eine Collage, so bunt wie weiss’ Haare. Eine persönliche Zusammenkunft in den Wäldern Nordkaliforniens mit einer der führenden „Women of the Beat Generation“.

Abgeschieden wirkt das Holzhaus, in dem die Beat-Poetin ruth weiss in den nordkalifornischen Wäldern wohnt. Es wird dem Ort Albion zugerechnet, der selbst klingt wie aus einer fantastischen Geschichte. Und tatsächlich behauptet weiss während eines Spaziergangs mit Regisseur Thomas Antonic, ihr Leben sei eine „fairy tale“. Ein Märchen, das die im vergangenen Jahr Verstorbene Antonic während unzähliger Zigaretten erzählt hat. Letzterer ist promovierter Literaturwissenschaftler, Beat-Forscher sowie der „spontanen Prosa und anderen Prinzipien des Zufalls“ zugeneigt. ruth weiss begegnete er vor beinahe zehn Jahren, bald darauf entstand die Idee, ihr einen Film zu widmen. Antonic folgt damit einer Entwicklung, die sich im finalen Lebensabschnitt der Künstlerin abzuzeichnen begann: Lange Zeit vergessen, ignoriert oder nur einigen Insider/innen bekannt, erfuhr ruth weiss eine so späte wie verdiente Anerkennung. Bedeutende Institutionen stellten ihr Werk aus, 2006 überreichte die Stadt Wien ihr eine Ehrenmedaille. Von hier war sie mit ihrer jüdisch-österreichischen Familie kurz nach den Pogromen 1938 als Zehnjährige geflohen und nach New York City ausgewandert. Die Entscheidung, auf die Verwendung von Großbuchstaben in ihrem Namen zu verzichten, beschreibt sie als einen Akt des Widerstands.
Und zu keinem Zeitpunkt von One More Step West Is the Sea: ruth weiss könnte man auf die Idee kommen, es bei ruth weiss nicht mit einer Person zu tun zu haben, die stets ihrem eigenen Willen, ihrer eigenen Intuition gefolgt ist. „ruth delivers her poetry like a strong trumpet player would“, heißt es im Film. Und in seinem Nachruf auf weiss in der Tageszeitung „Der Standard“ zitiert Antonic ihren Weggefährten Jack Hirschman: „Viele lesen zu Jazz oder lassen sich beim Schreiben von Jazz inspirieren. ruth aber schreibt Jazz in Worten.“ One More Step West Is the Sea: ruth weiss versammelt zahlreiche Auftritte der Jazz-Poetry-Pionierin – Performances, die unter anderem von ihrem Partner Hal Davis begleitet werden, der auf einem ausgehöhlten Baumstumpf ruths Rhythmus folgt. Thomas Antonic hat all dies in ein angemessen anarchisches Porträt, eine biografische Verdichtung, eine Collage verwandelt. Der Film sucht sowohl ruth weiss’ große Reise in den 1950er-Jahren via Autostopp an die Westküste der USA nachzuempfinden als auch ihr umfangreiches Werk, das Lyrik, Gemälde und experimentelles Kino umfasst. Ein filmisches Andenken an eine, die mit Jack Kerouac Haikus dichtete, den Neid Allen Ginsbergs auf sich zog und stets ihre künstlerische Unabhängigkeit bewahren konnte.
(Katalogtext, cw)