Diagonale
Festival des österreichischen Films
8.–13. Juni 2021, Graz

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THE BUBBLE
Dokumentarfilm, CH/AT 2021, Farbe, 92 min., eOmdU
Diagonale 2021

Regie, Buch: Valerie Blankenbyl
Darsteller*innen: Toni & Roger Akers, Jeanie & John Ferguson, Lauren Ritchie, Terry Marksberry, Linda Vernon, Toni Hyde, Bill Pownail, Mae Katherine Lee
Kamera: Joe Berger
Schnitt: Nela Märki
Originalton: Benoit Barraud
Musik: Adam Lukas
Sounddesign: Jacques Kieffer
Weitere Credits: Produzenten: Dario Schoch, Rajko Jazbec Ko-Produzenten: Karin C. Berger, Arash T. Riahi Executive Producers: Sabine Gruber, Raphael Barth Produktionsleitung: Sarah Born, Karin C. Berger World Sales: Deckert Distribution Verleih: Filmladen ©Catpics & Golden Girls Film
Produzent*innen: Dario Schoch, Rajko Jazbec, Karin C. Berger, Arash T. Riahi
Produktion: Catpics (CH)
Koproduktion: Golden Girls Film

 

In Zentralflorida, in den Kreisen Sumter County, Lake County und Marion County, befinden sich die Villages. Eine gigantische Rentner/innenenklave, geschaffen, um ihren zahlungskräftigen Bewohner/innen die letzten Lebensjahre zu versüßen. Denn das, finden hier alle, haben sie sich nach Dekaden der Schufterei redlich verdient. Valerie Blankenbyl war zu Gast in den Villages. Zwischen Drinks, Golfplätzen und Karaoke-Bars wird sie Zeugin eines Wohlfühlrausches, der zwar ein Ende kennt, aber kein Morgen.

„We know we’re in a bubble. But it’s a nice bubble“, findet eine Dame, die seit vielen Jahren in den Villages lebt. Doch der Ort hat, anders als der Name vielleicht vermuten lässt, wenig mit einem Dorf gemein. Nunmehr leben 150.000 Menschen hier, in Zentralflorida. Die Villages sind das am schnellsten wachsende Stadtgebiet der USA. Und es gibt noch eine andere Besonderheit – um im tropisch-feuchten Klima, zwischen 54 Golfplätzen, siebzig Swimmingpools und 96 Freizeitzentren residieren zu dürfen, muss man pensioniert sein. Von einem „social experiment“, das „really weird“ sei, spricht eine Zeitungsredakteurin, die das Geschehen um die Villages schon lange verfolgt. Die Einwohner/innen selbst werden ihre Artikel wahrscheinlich nicht lesen – die monströse Wohnanlage hat ihre eigene, unkritische Ausgabe. Sowie einen eigenen Radiosender, der Partner von Fox News ist. Denn das ist eine weitere Spezialität der Villages, die bereits die zweifache Größe Manhattans angenommen haben und sich in den kommenden Jahren noch einmal verdoppeln wollen – sie sind die wohl weltweit größte Ansammlung weißer Republikaner/innen.
Und die streben, wie Regisseurin Valerie Blankenbyl schnell herausfindet, vor allem nach Spaß. Ein hartes Arbeitsleben hinter sich, trifft man sich am Nachmittag zum selbstgemischten Punsch. „Howdy howdy“, geht die Begrüßung. Auf einem der Golfmobile, die in den Villages offenbar von allen als offizielles Verkehrsmittel genutzt werden, ist auf einem Banner zu lesen: „Another day in paradise“. Aber nicht jede/r kann sich mitfreuen. Bill, ebenfalls Rentner, wohnt mittlerweile am Rand der Villages – die Senior/innenresidenz ist ihm auf die Pelle gerückt. Sie droht nicht nur seinen Frieden, sondern auch die einzigartige Flora und Fauna im Sumter County zu zerstören. Tatsächlich ist der Grundwasserspiegel in der Region bereits um drei Meter gesunken. Die Folge: Immer wieder rutschen Teile der Erdoberfläche ab, die Straßen werden löchrig, die Häuser rissig. Aber wie Menschen mit Sorgen behelligen, die, auch dank ihres Kapitals, entschieden haben, sich keine Sorgen mehr machen zu müssen?
Blankenbyl schaut einerseits berührt, anderer­seits besorgt auf die Senior/innen, von denen nicht wenige zwar durch bewusste Ignoranz auffallen, dar­­in aber nicht zwangsläufig unsympathisch wirken. THE BUBBLE zeigt eine Wohlfühlenklave, zu groß, zu mächtig, um sich ihrer einfach zu entledigen. Ein teuer erkauftes Schlaraffenland. Oder wie am Ortseingang zu lesen ist: „Florida’s Friendliest Hometown!“
(Katalogtext, cw)